„Coming Home – meine Familienrezepte“ von Haya Molcho {Rezension}

Haya Molcho, Gastronomin (NENI Restaurants), und kulinarisch-chaotischer Wirbelwind, hat mit ihrem Kochbuch  „Coming Home“  Lieblingsrezepte und Geschichten ihrer Familie veröffentlicht

Haya Molcho, Gastronomin (NENI Restaurants), und kulinarisch-chaotischer Wirbelwind, hat mit ihrem Kochbuch  „Coming Home“  Lieblingsrezepte und Geschichten ihrer Familie veröffentlicht

Wie ich Haya kennenlernte

Als ich Haya das erste Mal traf, schnitt sie gerade einem toten Reh die Kehle auf. Es war einer der heißesten Sommertage 2019 und im Spielweg fanden die Dreharbeiten für eine Folge Kitchen Impossible statt. Es galt, einen Teller von Viktoria Fuchs nachzukochen und von einer zehnköpfigen Jury aus Stammgästen verkosten und vergleichen zu lassen. Tim Mälzer hatte Haya in diese kaum zu gewinnende Battle geschickt: Moderne Wildküche im Schwarzwald; zweierlei vom Reh mit Schupfnudeln, Heidelbeeren, tiefgründige Sauce mit umwerfenden Pfefferaromen. Nachdem Hayas Energie dem Reh den Rest gegeben hatte, schmorte sie nonchalant aus der Rehkeule eine Schulter und arbeitete sich furchtlos an badischen Schupfnudeln ab. Spätestens da schloss ich sie endgültig in mein Herz – diese sind mir trotz Fuchsschem Einzelunterrichts in meinem ganzen Leben noch nicht wirklich gelungen. Familienmensch Haya bei Familie Fuchs im Spielweg – das war auf den ersten Blick die große Liebe auf allen Seiten. 

Und man denkt sich: Ein Kochbuch über die liebsten Rezepte der eigenen Familie zu veröffentlichen, kann kaum authentischer gelingen, als von Haya Molcho. Um so bedauerlicher, dass „Coming Home“ kein gutes Buch geworden ist. 

Autorin, Buch und Verlag

Haya Molcho, Jahrgang 1955, geboren in Israel, wuchs in Bremen auf. Sie hat rumänische Wurzeln und betreibt eine Farm in Rumänien, auf der das Gemüse für die NENI-Restaurants angebaut wird. Nach dem Abitur studierte sie Psychologie, heiratete Samy Molcho und reiste mit ihrem Mann jahrelang durch die Welt – bis heute bezeichnet sie sich selbst als Nomadin. Seit vielen Jahren lebt die Familie in Wien, dort gründete Haya 2009 ihr erstes NENI-Restaurant – der Name ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Söhne. Aus den NENIs ist mittlerweile ein kleines Gastro-Imperium geworden, Kooperationen mit der Hotelkette 25 Hours und der Einzelhandelskette SPAR inklusive. Der Fokus liegt auf orientalischen Gerichten, speziell der israelischen Küche. Neben Yotam Ottolenghi steht wohl kein Name so sehr für den Aufstieg der Levante-Küche zum kulinarischen Liebling der Deutschen wie der von Haya Molcho. Seit 2018 sieht man Haya immer häufiger im Fernsehen – mit ihrer umwerfenden Fröhlichkeit und einer der mälzerischen Schnoddrigkeit in nichts nachstehenden „Schnauze“ ist Kitchen Impossible das perfekte Molcho-Format. 

„Coming Home – meine Familienrezepte“ ist im Oktober 2022 im Verlag Brandstätter erschienen. Es hat einen sonnenblumengelben Einband in Leinenhaptik und bietet auf 208 Seiten Geschichten und sehr einfache Rezepte auf überwiegend vegetarischer Basis.

Nachgekocht habe ich bisher:

  • Pochierte Eier mit Joghurtsauce, Seite 80
  • Gefüllte Paprika, Seite 145
  • Focaccia mit Zucchini, Mandeln, Honig und Thymian, Seite 33
Haya Molcho, Gastronomin (NENI Restaurants), und kulinarisch-chaotischer Wirbelwind, hat mit ihrem Kochbuch  „Coming Home“  Lieblingsrezepte und Geschichten ihrer Familie veröffentlicht

Kategorien und Inhalt

Die eigentlichen Kategorien des Buches sind die Familienmitglieder. Haya, ihrem Mann Samy und den vier Söhnen sind einzelne Kapitel gewidmet. In diesen öffnet Haya private Fotoalben, im Plauderton gibt’s Anekdoten; sie berichtet von Reisen der Familie und deren Lieblingsessen. Diese sympathische Idee verantwortet die erste Schwäche des Buches: Wenn ich in einigen Wochen das Ras el Neni Chicken kochen möchte, finde ich es kaum noch wieder. Im Rezeptregister steht es unter „R“ und nicht unter „H“ für Hähnchen. Ich müsste mir also das Gewürz behalten oder wenigstens noch wissen, dass dieses Rezept im Kapitel für Sohn Nuriel aufgeführt ist. Eine Auflistung nach Vorspeisen, Hauptspeisen, Dessert? Fehlanzeige. Salate, Suppen, Fisch, Fleisch? Nicht vorhanden. 

Kaum anwesend war wohl auch die Rezeptredaktion. Anders kann ich mir nicht erklären, wie ein Kochbuch mit orientalischen Rezepten, die immer wieder auf Hummus zurückgreifen, kein einziges Hummus-Rezept bietet. Dafür gibt es neben dem Ras el Neni Chicken mit dem Rezept für den Jerusalemteller einen weiteren Klassiker aus den NENI-Restaurants – nur wird eben das Rezept für das benötigte „Jerusalem-Gewürz“ nicht mitgeliefert. Lapidar steht in Klammern lediglich „ Jerusalemgewürz: Neni“. Was soll ich mit einem Rezept, das ich nicht nachkochen kann, weil mir eine wichtige Zutat vorenthalten wird? 

Im Rezept für gegrillte Dorade werden mir als Alternative Doraden-Filets angeboten. Dass aber dann Anleitungen wie „Fisch zuklappen“ genauso so hinfällig sind, wie die angegebenen Garzeit für ganze Fische – daran hat leider niemand gedacht. 

Das Rezept für die belegte Focaccia verlangt nach 34(!) g Honig. Vierunddreißig. Vermutlich schreibt Haya ihre Rezepte mit englischen Maßeinheiten. Wenn aber die großen Mengen in Gastrorezepten auf vier Personen runtergebrochen werden und in der Redaktion niemand daran denkt, nicht nur „runterzurechnen„, sondern auch anzupassen, werden aus (vermutlich) 1 cup honey (= 340 g),  34 g Honig in einem deutschen Kochbuch, und nicht einfach "ein Esslöffel“. Dieses Ärgernis setzt sich fort in 26 g Dillspitzen (pochierte Eier) oder 16 g Olivenöl (ebenda). 

Im Rezept für gefüllte Paprika wird die benötigte Menge an Olivenöl erstaunlicherweise wieder in EL angegeben. Dafür kann ich aber mit 425 g gekochtem Reis und 550 g Hamshuka + Pinienkernen eine ganze Kiste Spitzpaprika füllen und nicht nur die im Rezept angegebenen vier. Apropos gefüllte Paprika: Dafür soll ich 500 g Tomaten-Matbuha verwenden. Die Zutatenliste verweist dafür auf das Grundrezept, Seite 187. Auf Seite 187 findet sich jedoch ein Rezept für Harissa. Also suche ich im alphabetischen Register unter M nach Matbuha. Leider nichts. Ich gebe nicht auf. Unter T finde ich Tomaten-Matbuha mit Harissa auf Seite 155. Allein, die Lust darauf habe ich jetzt verloren und öffne beim Nachkochen frustriert eine Dose gehackte Tomaten, denen ich eine Ladung Harissa aus der Tube hinterherquetsche. Was Matbuha eigentlich ist, nämlich ein Salat aus gekochten Tomaten und gerösteten Paprika, verrät mir das Buch an keiner Stelle. Keine der typischen orientalischen Zutaten, ihre Herkunft oder Geschichte wird erklärt. 
Haya Molcho, Gastronomin (NENI Restaurants), und kulinarisch-chaotischer Wirbelwind, hat mit ihrem Kochbuch  „Coming Home“  Lieblingsrezepte und Geschichten ihrer Familie veröffentlicht

Für Hamshuka soll ich 1 TL Tomatenmark auf 550 g Hackfleisch geben. Liebe Rezeptredaktion, das funktioniert nicht! Selbst ein EL wäre hier noch zu wenig. Dafür darf ich hier aber die benötigte Menge an Olivenöl als „Schuss“ berechnen. Für Labneh soll ich 1 kg griechischen Joghurt verwenden, welcher Fettgehalt wird nicht verraten; ebenso, wie ich nicht weiß, ob ich den Grießkuchen mit Mandeln mit Hart- oder Weichweizengrieß backen soll. Ist mir jetzt aber auch schon wumpe. Ein paar Oliven mit Olivenöl zu übergießen und mit ein paar Gewürzen in ein Schraubglas zu füllen ist dann schon eher kein Rezept mehr, sondern Chuzpe. (Olivenmix, Seite 79). Das Grundrezept für Gemüsefond setzt sich zusammen aus Zwiebel, Lauch (ebenfalls zwiebelig), Knollensellerie und Stangensellerie mit etwas Karotte und Petersilienwurzel. Dazu Wasser. Kein Salz, kein Lorbeer, kein Pfeffer, keine Säure.

Mein Fazit

Haya sagt immer, mach Dein Ding draus und das Wichtigste beim Kochen sei die Liebe. Ich liebe Haya, aber beim Kochen sind mir funktionierende Rezepte wichtiger. Ob die Autorin sie mit Liebe geschrieben hat, ist dabei zweitrangig. Haya Molcho ist keine Köchin, sondern Unternehmerin. Um so wichtiger wäre für dieses Buch eine aufmerksame Rezeptredaktion gewesen. 

„Coming Home – meine Familienrezepte“ ist ein schönes Buch geworden, aber kein gutes. Die Rezepte sind einfach und im Grundgedanken auch für Kochanfängerinnen geeignet, im Buch dann aber leider nicht. Die holprige und nicht konsistente Auflistung von Zutaten, das mangelnde Verzeichnis nach Kategorien und die ärgerlichen Fehler, (falsche Seitenangaben, falsche Mengenangaben, fehlende Gewürze), nötigen mir beim Nachkochen eine gehörige Portion Geduld ab. Und die ist – wenig überraschend – im Rezeptregister natürlich ebenfalls nicht aufgeführt. 

Update vom 25.11.2022

Ich habe eine freundliche Mail vom Verlag erhalten, verbunden mit einem großen Dankeschön. Das Buch wird für die nächste Auflage komplett überarbeitet, meine Besprechung liegt dem Lektorat und der Programmdirektion vor – sie können meine Anmerkungen gut nachvollziehen. Über diese Wertschätzung meiner Arbeit freue ich ebenso, wie auf die nächste Auflage von „Coming Home“! 



Disclosure

Dieses Kochbuch wurde mir vom Brandstätter Verlag für eine Rezension kostenfrei zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Eine inhaltliche Vorgabe fand nicht statt.


  Make lecker great again!                                                                                                                                            
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Arthurs Tochter

Astrid Paul, die Autorin von Arthurs Tochter kocht., ist besessen vom Essen. Sie wacht manchmal nachts auf, weil ihr im Traum Essensdüfte durch die Nase ziehen. Dann steht sie auf und fängt an zu kochen. Oder zu schreiben. Vielleicht kocht sie auch nur, um darüber schreiben zu können, wer weiß das schon...

13 Kommentare :

  1. Marco Frühwein24.11.2022, 09:54:00

    Sehr ehrliche und hilfreiche Rezension, auch wenn sie sich für den Verlag wie ein Faustschlag nach einem guten Essen in die Magengrube anfühlt....

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    1. Ach, ich glaube, der Verlag weiß das alles auch selbst ;) Aber gut, wenn meine Buchbesprechungen meinen Leserinnen und Lesern helfen. Deswegen mache ich das ja auch alles :)

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  2. Wow! Ehrlich und aufrichtig! Danke für diese fundierte Einschätzung!

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    1. Sehr gerne, Uta! Und klar, ehrlich. Mit Lobhudelei ist ja niemandem gedient.

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  3. Man liest die Mühe heraus, die Du Dir gemacht hast!

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    1. Das freut mich, Florian! Fundierte Buchbesprechungen machen nämlich tatsächlich ordentlich Arbeit, die schreiben sich nicht so nebenbei … jedenfalls nicht, wenn sie „Hand und Fuß“ haben sollen.

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  4. Annabell Harth24.11.2022, 16:34:00

    Das Gute an diesem Blog ist, wenn hier ein Buch empfohlen wird, kann ich mich blind verlassen, weil vorher alles geprüft wird. Gefälligkeiten gibt's hier keine 🤣

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    1. Um Gefälligkeiten geht's hier ja auch nicht. Meine Buchbesprechungen sollen eine Hilfestellung bei Kaufentscheidungen sein – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und ganz ehrlich? Ich veröffentliche lieber, dass alles ganz toll ist. Aber wenn das mal nicht der Fall ist, sage ich das halt auch.

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  5. Ich kann mich Deiner Kritik nur anschließen. Habe das Buch kurz nach dem Erscheinen zum Geburtstag geschenkt bekommen und bin sehr enttäuscht. Einmal intensiv durchgelesen und dann ins Kochbuchregal. Und da ich nicht vorhatte, es nochmals rauszuholen, habe ich es jetzt aussortiert und in den öffentlichen Bücherschrank in der Stadt gestellt.
    Vielleicht gibt es jemanden, der mehr damit anfangen kann.

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    1. Diese Geste von Dir ist sehr schön, vielleicht freut sich tatsächlich jemand anderes darüber!

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  6. Sehr gerne, liebe Andrea, danke Dir fürs Lob!

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  7. Ich habe das Buch leider zu früh gekauft. Und noch nichts daraus gekocht, was eigentlich auch schon ein schlechtes Zeichen ist. Falsche Mengenangaben beim Kochen kann ich verkraften, dafür habe ich einfach genug Erfahrung. Aber die hat halt nicht jeder. Falsche Seitenzahlen und kein brauchbares Rezeptverzeichnis nerven aber kolossal!

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    1. das ist ja das Fatala an Kochbüchern mit eigentlich pipi-einfachen Rezepten für Kochanfängerinnen. Wenn dann die Zutatenmengen oder Bezeichnungen der verschiedenen Lebensmittel (ich habe in der Rezension beileibe nicht alle Fehler aufgeführt, da gab es noch einige mehr 😎) nicht stimmen, funktioniert auch das einfachste Rezept nicht mehr und hinterlässt am Ende nur Frustrationen.

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