Berliner Kartoffelsuppe – Versuch einer Rekonstruktion

Die beste Suppe für party people ist immer noch eine Kartoffelsuppe! Warum? Weil man dann morgens um 4 noch in der Küche stehen und mit einem großen Löffel die Berliner Kartoffelsuppe aus dem Topf kratzen kann! 


Die erste Party meines neuen Lebens feierte ich mit vielen Freunden in 3 Zimmern, Küche, Bad auf knapp 60 qm². Die Küche war ein Schlauch an dessen Ende unter dem großem Fenster ein runder Tisch stand, dieser bot Platz gerade für Miriam und mich. Kam P. zu Besuch und wollte mit dabei sitzen, bekamen wir schon die Tür zum Abfalleimer unter der Spüle nicht mehr auf. Unserem Glück tat das keinen Abbruch, die Erinnerung an sonnenbeschienene Frühstücke der kleinen neuen Patchworkfamilie gehört zu meinen schönsten und führt mir immer wieder vor Augen, mit wie wenig Geld man doch so vollständig glücklich sein kann.

Es war die Zeit kurz vor Internet immer und überall, ich hatte eine Email-Adresse, an die mir nie jemand schrieb und kaufte mir auf  der noch jungen Plattform eBay meine Kindheit zurück. Gekocht habe ich auch zu dieser Zeit schon gerne und täglich aber doch eher unbedarft und  daher dutzendfach nach Rezepten aus Fernsehzeitschriften oder People-Magazinen, die ich mir mit Erlaubnis der Arzthelferinnen aus den Zeitschriften im Wartezimmer riss. Aufgewachsen bei einer Frau, die Familie & ich im Jahresabo bezog und jede Ausgabe 30 Tage lang bis zum Erscheinen der nächsten konsequent durchkochte und abbuk, kaufte ich mir auch diese Zeitschrift das ein oder andere Mal, während ich mich in der Schlange an der Supermarktkasse langweilte. Und in einer dieser Ausgaben gab es eine Berliner Kartoffelsuppe, auch wenn sie das in der Redaktion auf meine Nachfrage hin bis heute verleugnen. Ich mein, ich weiß doch, was ich damals gelesen habe und vor allem: wo. Is' klar, ne? 

Also kochte ich Berliner Kartoffelsuppe für die Party, während der Liebste beim örtlichen Getränkehändler Tische und Bänke aus der Abteilung Wir verleihen alles rund um ihr 600-Personen-Partyzelt besorgte und in Miriams Zimmer aufstellte. Auf meinen höflichen Einwand hin, was zur Hölle er da eigentlich machte, erwiderte er entrüstet, die Gäste müssten ja immerhin irgendwo sitzen können und schließlich gäbe es im Wohnzimmer ja nur die zwei Sofas. Ich dachte, Gäste müssen nirgendwo sitzen, sie hocken sich auf den Boden wenn sie wollen und sitzen ansonsten auf Fensterbänken und stehen lässig in Türrahmen herum. Und am Ende sind ja eh alle in der Küche. 

Der Verlauf des Abends gereichte mir noch jahrelang zu ich hab's ja gleich gesagt und wir führten damals die bis heute Gültigkeit besitzende und unsere Ehe nachhaltig und positiv prägende Regel ein, dass er zwar immer die tollsten Ideen hat, dafür ich immer Recht. Gegen 4 Uhr am Morgen jedenfalls stand der party hard-Kern mit großen Löffeln bewaffnet in der Küche, so viele von ihnen so rund wie möglich um den Herd, mit dem darauf stehenden Topf Berliner Kartoffelsuppe und aßen den Topf leer. Sie kratzten jeden Fitzel heraus und alle waren so unglaublich betrunken wie einig: Das war die beste Kartoffelsuppe ihres Lebens.

Ich weiß noch genau, dass die Suppe zwar stückig war aber doch eine unverschämte Menge Sahne enthielt, was mir als geradezu extravagant erschien, ebenso wie die Speckschwarte, die nur für den Geschmack und sonst für nix, ausgelassen wurde um dann am Ende weggeschmissen zu werden. Das Rezept schrieb weiter Petersilienwurzel vor, die ich damals noch nicht kannte und wie sich herausstellte, kannte die auch überhaupt niemand, jedenfalls keine meiner damaligen Gemüsebezugsquellen, die sich ehrlicherweise vornehmlich aus Supermarkt-Gemüseabteilungen speisten. Erhalten habe ich sie dann letztendlich in der Gemüseabteilung der Wiesbadener Karstadtfiliale, die schon immer etwas besser und vor allem wichtiger sortiert war, als alle anderen Gemüseabteilungen der Stadt.

Als ich diese Suppe vor Jahren rezeptgetreu wiederholen wollte, schrieb ich die Redaktion der Familie & ich an und bat um das Rezept. Sie bedankten sich höflich für mein Interesse - allein, ein Rezept hatten sie nicht, sie verneinten gar die komplette Existenz einer Berliner Kartoffelsuppe in ihrem Repertoire. Ich dachte mir so grmpf und schickte eine Mail gleichen Frageinhaltes an die Redaktion von essen & trinken, der einzigen Zeitung, von der ich mir vorstellen konnte, sie vielleicht, jemals, damals gekauft zu haben. Keine Berliner Kartoffelsuppe nirgends. Entweder ich hatte geträumt, ein ganzes Suppenrezept immerhin, oder die Redakteure waren so besoffen wie meine Gäste. Egal, nichts hielt mich von meiner dann ganz eigenen Version ab.

Und so koche ich sie bis heute im großen Topf für ca. 10 Personen, bitte beachtet, dass die benötigten Verzehrmengen im Partynebel steigen. Die Gleichung lautet: Je trunken, desto Suppe. 

  • 1 Speckschwarte Tiroler Speck oder Speck aus den Marken
  • 2 kg festkochende Kartoffeln, hier: Belsana
  • ca. 2 Liter kräftige Rindfleischbrühe
  • 3 Karotten
  • 2 Stangen Lauch
  • 1 Zwiebel
  • 2 Petersilienwurzeln
  • 4 Zehen geräucherter Knoblauch
  • Im Gewürzsäckchen, z. B. bestehend aus einer zugeklemmten Kaffeefiltertüte: 2 angedrückte Wacholderbeeren, die Schale einer Knolle geräucherten Knoblauchs, 2 Körner schwarzer Pfeffer, 1 Stück Macis
  • 100 ml trockener Weißwein
  • 200 g frische Sahne
  • 2 EL helle Sojasauce
  • 5 (oder mehr) Rindsbrühwürste
  • Majoran, getrocknet und gerebelt
  • Olivenöl
  • 1 EL Butter
  • Salz, Pfeffer, Muskatnuss

1. 

Die Speckschwarte mit etwas Olivenöl in einem Topf mit schwerem Boden auslassen. Die Kartoffeln, Petersilienwurzeln, Karotten und die Zwiebel schälen und grob würfeln, bzw. in Scheiben schneiden. Das Weiße vom Lauch grob hacken. Das Gemüse im ausgelassenen Fett anschwitzen, salzen und mit der Brühe aufgießen, Gewürzbeutel hinzufügen. Kochen, bis die Kartoffeln weich sind

2. 

Die Suppe abgießen, das Gemüse dabei in einem großen Sieb auffangen, die Schwarte herausfischen und wegwerfen, das Gemüse in den Topf zurückgeben. 1 Suppenkelle Gemüse herausnehmen und beiseite stellen. Einen Teil der aufgefangenen Brühe angießen und das Gemüse mit DEM Kartoffelstampfer* grob zerstampfen., 200 g frische Sahne hinzufügen und mit Salz, Pfeffer und frischer Muskantnuss abschmecken. In einem weiteren Topf die Butter zerlassen, die Rinderwürste in Scheiben schneiden, den restlichen Lauch in Ringe schneiden und die Wurst und den Lauch in der Butter anschwitzen. Mit dem Weißwein und der Sojasauce ablöschen, Flüssigkeit um die Hälfte einkochen lassen, mit einem Teil der aufgefangenen Brühe aufgießen und den Lauch knackig gar kochen.

3. 

Lauch und Rindswurst samt Sud in den Topf mit der Suppe geben. Das zur Seite gestellte Gemüse ebenfalls hinzufügen. Je nach Dickflüssigkeit der Suppe eventuell weitere Brühe angießen. Ganz am Schluss mit Majoran würzen. Mein Tip: Die Suppe dickt noch etwas nach und schmeckt - eiserne Regel - am nächsten Tag noch mal besser!

Serviceteil für's Beste! 

Geräucherten Knoblauch (mega!) erhaltet ihr in gut sortierten Supermärkten oder HIER*. Sobald ich ihn irgendwo sehe, schlage ich erbarmungslos zu - da er getrocknet ist, hält er lange. 

Der beste Kartoffelstampfer ever ist entweder der Liebste oder dieser HIER*

Südtiroler Speck könnt ihr HIER* bestellen, die Schwarte verwendet ihr zum Kochen und den Speck esst ihr einfach auf, es ist nämlich einer der besten Specke der Welt!!! 

Übrigens: 

Markenspeck ist Speck aus den Marken, einer Region in Italien. Marken-Speck hat also nichts mit dem Begriff "Marke" zu tun.

Der beste Majoran kommt aus Thüringen, dem größten deutschen Majoran-Anbaugebiet. Zu bestellen HIER*. Ich glaube ja sogar: eigentlich wurde die Thüringer Rostbratwurst nur erfunden, um den vielen Majoran irgendwo unterzubringen.
Aus der Geschichte der Majoranerzeugung geht nachweislich hervor, dass um Aschersleben der Majorananbau um 1890 heimisch wurde. Von den Arabern aus dem Mittelmeergebiet mitgebracht, in Thüringen erstmalig auf kleinen Gartenparzellen kultiviert, findet Majoran heute günstige Anbaubedingungen im Harzvorland, in der Harz-Börde-Region. Die Klima- und Bodenverhältnisse der Börde mit gutem Lößboden im Regenschatten des Harzes, geben im Anbau ein deutschlandweites Alleinstellungsmerkmal. Mit dem Thüringer Majoran, auch „Marjamie“- das Unvergleichliche genannt, entwickelte sich eine leistungsstarke Landwirtschaft des Arznei- und Gewürzpflanzenanbaues um Aschersleben. In Sachsen-Anhalt - als die Gewürzkräuterkammer Deutschlands bezeichnet - kommen so heute auf über 1000 ha neben Majoran auch Thymian, Bohnenkraut, Oregano, Basilikum, Fenchel und Kümmel zum Anbau. (Quelle: majoranwerk.de)
Mein liebster Suppentopf, weil er diesen schweren Boden zum vorherigen Anschwitzen der Zutaten hat und dann auch noch das geniale Nudelsieb als Einsatz - es gibt ihn übrigens in schwarz und rot HIER


  Habt alle eine tolle Woche!


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Arthurs Tochter

Astrid Paul, die Autorin von Arthurs Tochter kocht., ist besessen vom Essen. Sie wacht manchmal nachts auf, weil ihr im Traum Essensdüfte durch die Nase ziehen. Dann steht sie auf und fängt an zu kochen. Oder zu schreiben. Vielleicht kocht sie auch nur, um darüber schreiben zu können, wer weiß das schon...

Kommentare :

  1. Geräucherter Knoblauch..hoha?! Den hab ich zwar schon mal gesehen, aber irgendwie noch nie eingesetzt. Und ich muss sagen du hast mir den jetzt echt schmackhaft gemacht. Da werd ich die Suppe doch mal genauso! ausprobieren. GlG Anne

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  2. Bei deinen Parties möchte ich mitessen. Und - die schönste Verwendung einer lila Karotte!

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    1. Zur nächsten Kartoffelparty schicke ich Dir eine Einladung! :D

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  3. Wird nachgekocht, wenn die Minestrone von gestern aufgegessen ist :-) Ich kenne "Meine Familie und ich" sogar noch aus der Zeit, als sie "ICH und meine Familie hieß", das war vorher, das muss man sich mal vorstellen, der einzige Luxus meiner Mutter vermutlich, den sie sich nur gönnte, weil es auch für die Familie war, nicht wahr - ich erinnere mich vage auch an eine nette Kinderseite in dieser Gazette.

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    1. obwohl ich mit dieser Zeitschrift großgeworden bin, kann ich mich an "Ich & meine Familie" nicht mehr erinnern. Weißt Du noch, bis wann ungefähr das war?
      Ich weiß auch gar nicht, seit wann überhaupt es diese Zeitschrift gibt, da muss ich gleich mal google befragen. Vor Monaten hatte ich sie noch einmal in der Hand, auch während ich mich an der Supermarktkasse langweilte. Da fiel mir nur auf, mit wie viel Fertigzeugs, bzw. "Helferlein" die Rezepte bestückt waren. Wahrscheinlich war das früher nicht so, weil es das ganze Zeugs noch gar nicht gab... Da war ja Rumaroma in den kleinen Glasfläschchen schon das Krasseste.

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    2. Gerade bei Wikipedia gelesen:
      "Das Blatt erscheint seit 1966, zuerst unter dem Titel Ich & meine Familie im Co-Publica Verlag, einem Gemeinschaftsunternehmen der Anteilseigner Thomas Organisation, Cowles Press und DuMont Schauberg. 1972 erwarb Burda 51 % der Unternehmensanteile und gab der Zeitschrift ihren heutigen Titel. Es gibt 13 Ausgaben pro Jahr.[1] Die Zeitschrift liegt auf Ständ"

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    3. Sehense, was sich so alles in meine frühkindliche Hinrirnde gegraben hat, ich bin Jahrgang 62, und tatsächlich glaube ich zu wissen, dass meine Mutter das frühe Heft lieber mochte - Ich aber erinnere mich wirklich nur an den Titel und die Kinderseite; meine Mutter war aber eine große Anhängerin der damals neuen Fertigprodukte: ich bin mit Tütenkartoffelpüree aufgewachsen. Und Rumaroma gabs für die Weihnachtsbäckerei :)

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  4. Und heute gabs die Kartoffelsuppe! So lecker! Leicht abgewandelt, hab aber nicht an der Sahne gespart und es wurde wirklich echt superlecker. Erinnert mich außerdem an früher, und ich WEISS wieder, wie die Suppe mit Speckschwarte und Brühwürsten schmeckt. Ein Moment wie bei Proust :-) Merci, Astrid!

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  5. Die Situation kenne ich, habe ich doch vor Jahren nach einem Rezept (ich sehe die abgebildetes Suppe noch vor mir) eine unglaublich köstliche Muschelsuppe gekocht. Allein das Rezept ist futsch und jegliche Recherche lief bis jetzt ins leere. Geblieben ist meine Erinnerung an Noilly Prat, ausgelöstes Miesmuschelfleisch, Safran und als toller Farb- und Geschmacks- sowie Farbbeitrag zugefügter Blattspinat.
    Natürlich habe ich schon viele Versuche des Nachkochens aus dem Gedächtnis gestartet, aber das ist mir noch nicht so gut gelungen.
    Aufgeben gilt aber nicht, irgendwann treffe ich noch den Geschmack meiner Erinnerung.
    Heute Abend haben wir übrigens in leichter Abwandlung und sehr lecker Quitte mit Lamm gegessen.
    Vielen Dank für Deinen so schönen und anregenden Blog
    Liebe Grüße
    GAby

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    1. Ich habe neulich einen Bericht darüber gelesen, wie sehr unser Gedächtnis im Laufe der Jahre unsere Erinnerungen verfälscht. Vielleicht gilt das auch für Suppenzubereitungen und so denkst Du nur, Du hättest das richtige Rezepte noch nicht selbst so hinbekommen ;)
      Es freut mich sehr, dass die Lamm-Quitten-Kombi gut geschmeckt hat, dankeschön für's feedback!
      Lieber Gruß zurück

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  6. Liebe Astrid, danke für das tolle Rezept! So lecker!! Ich konnte leider keinen geräucherten Knoblauch auftreiben, kann ihn mir aber sehr gut in der Suppe vorstellen. Nächstes Mal dann. Geräucherten Knoblauch kann man ohne Smoker wohl nicht selber herstellen...? P.S. Deine Zwiebel taucht in der Verarbeitung nicht mehr auf; bei der Sahne ist es andersrum ;-)

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    1. Liebe Nikk,
      danke für den Hinweis, ich habe da gerade entsprechend ergänzt.
      Du müsstest den Knoblauch auch ohne Smoker räuchern können, schau mal, in diesem Artikel beschreibe ich das Räuchern von Pfeffer - das klappt mit einer Knolle Knoblauch sicher auch: http://www.arthurstochterkochtblog.com/2014/03/lammkarree-mit-vier-geraucherten.html

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

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