Erinnerungsessen und das Kalbskotelett meiner Kindheit

Erinnerungsessen für mich als Grenouille und das Kalbskotelett meiner Kindheit

Kalbskotelett sanft in Butter und Rinderfett gebraten und im Ofen nachgezogen mit Rosmarin, Lorbeer und fermentiertem Knoblauch. Dieser ist schwarz und zäh wie Lakritze :) | Arthurs Tochter Kocht von Astrid Paul
Häufig treffen mich Erinnerungen wie ein Schlag. Die ganz große Keule, völlig aus dem Nichts. Oft werden sie hervorgerufen durch Gerüche, sogar in der Mehrzahl ist das so - ich bin ein durch und durch olkfaktorischer Mensch (sagt man das so? Wenn dieser Sinn geschärft ist wie kein anderer?). Duft ist Erinnerung und in dieser Hinsicht funktioniert mein Gehirn einwandfrei. Spitze Zungen haben schon behauptet, ich sei ein kleiner Grenouille - wobei ich niemals in einer Höhle leben wollen würde und die Sache mit der tödlichen Orgie... ähem. Ich merke mir jeden Duft, wirklich jeden und kann diesen über Jahrzehnte hinweg abrufen, ich weiß noch genau, dass ein Junge, in den ich mal mit 13 verliebt war, roch wie ATA-Scheuerpulver; ich denke jedesmal an ihn, wenn ich an den Putzschrank gehe. Dafür vergesse ich Geburtstage, Namen, Einkaufszettel, Überweisungen, Verabredungen und so fort... Es ist, als hätte ich in meinem Kopf keinen Platz für diese Dinge, die Düfte nehmen fast allen Raum. Auch träume ich Düfte - dann wache ich auf und möchte am liebsten sofort kochen und essen. Die Duftassoziationen sind dabei vielfältig, ich kann spazieren gehen und unvermittelt ausrufen die Luft riecht nach Ohrenschmalz! Wie riecht Ohrenschmalz, kommt die Frage zurück und ich kann nur sagen, na eben so, genau so wie hier die Luft. Oder ich rieche den Samtbezug der Kleiderbügel meiner Mutter in einem Bekleidungsgeschäft, wirklich, es gibt Geschäfte, die riechen wie die Kleiderbügel meiner Mutter. 

Vor 3 Jahren wurde mein Geruchssinn getestet. Was soll ich sagen - Beruf verfehlt. Ich hätte in die Parfumindustrie gehen sollen. Wobei mir diese Fähigkeit natürlich auch als vom Essen besessene Autorin zugute kommt. Weit, weit über dem Durchschnitt liegt mein Vermögen, Düfte zu erkennen und zuzuordnen. Was ja nichts anderes ist, als Erinnerungen in kleine Gläschen zu füllen, zuzuschrauben und bei Gelegenheit zu öffnen. Manchmal öffnet sich so ein Gläschen ganz plötzlich, der Duft huscht hinaus und trägt die Erinnerung im Gepäck. Trifft mich eine solche Dufterinnerung unvermittelt, muss ich handeln, sofort. Weckt der Duft mich aus dem Schlaf, rieche ich an mir selbst; ich schnuppere meine Arme ab, denn nichts neutralisiert unseren Geruchssinn so sehr, wie unser eigener Körperduft. Erwischt mich eine Dufterinnerung an ein Essen beim Einkaufen, muss ich alle Zutaten dafür kaufen, sofort. Sind es Düfte, die ich nicht selbst wiederholen kann, mache ich Yoga oder laufe ein paar Kilometer durch die Weinberge  – bevor ich durchdrehe.  
Kalbskotelett sanft in Butter und Rinderfett gebraten und im Ofen nachgezogen mit Rosmarin, Lorbeer und fermentiertem Knoblauch. Dieser ist schwarz und zäh wie Lakritze :) | Arthurs Tochter Kocht von Astrid Paul

Kalbskotelett sanft in Butter und Rinderfett gebraten und im Ofen nachgezogen mit Rosmarin, Lorbeer und fermentiertem Knoblauch. Dieser ist schwarz und zäh wie Lakritze :) | Arthurs Tochter Kocht von Astrid Paul

Das obige Essen ist ein typischer Erinnerungsfall. Vor ein paar Tagen roch es im Supermarkt wie die Kalbskoteletts, die meine Mutter als Proviant für unsere Fahrten in den Urlaub briet. Bei ihr waren sie noch paniert, gegessen wurden sie kalt, auf Raststätten mit Picknickplätzen an der Autobahn auf dem Weg nach Spanien oder Italien, die Knochen bekam unser Hund. Ich war völlig willenlos. Also fuhr ich zum Metzger, kurz davor einen Mord zu begehen für ein Kalbskotelett. Nicht auszudenken, er hätte keine gehabt. Zuhause briet ich es mit frischem Lorbeer, Rosmarin und fermentiertem Knoblauch in einer Mischung aus Butter und Rinderfett sehr sanft, sehr langsam an. Im Ofen bei 120° C zog es 15 Minuten nach, während sich ein neuer Duft von der Küche in die Wohnung aufmachte und in mein Herz kroch. Und so waren der Tag, der Duft und die Erinnerung gerettet. 



  Genießt euren Tag!


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Arthurs Tochter Kocht – food, wine, travel, love

Astrid Paul, die Autorin von Arthurs Tochter kocht., ist besessen vom Essen. Sie wacht manchmal nachts auf, weil ihr im Traum Essensdüfte durch die Nase ziehen. Dann steht sie auf und fängt an zu kochen. Oder zu schreiben. Vielleicht kocht sie auch nur, um darüber schreiben zu können, wer weiß das schon...

Kommentare :

  1. Ach ist das schön, Essen und Text!

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  2. Ich stelle mir gerade vor, wie Du nachts an Dir herumschnupperst :)))) Uhhhhhhhh.....

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    1. So gut, wie ich rieche, ist das jedesmal die reinste Freude! :)

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  3. Da läuft mir ja schon am frühen Morgen das Wasser im Mund zusammen!

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  4. Ich bin noch satt vom Frühstück, aber zum Mittag würde ich davon auch 1-2 nehmen, Danke!

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  5. Das riecht ja bis hierher... lecker, lecker. Speiseplan fürs Wochenende gerettet.

    Ich übrigens bin auch so ein olfaktorischer Mensch: Patchouli und ich bin wieder Teenie mit Army-Parka, mancherorts riecht es wie DDR (das liegt am Putzmittel, glaube ich), Holzfeuer und ich bin in Afrika...

    Und mit thailändischer Fischsoße oder Sambal Oelek bin ich sofort auf Bali. Da haben wir einmal mit dem Bus recht ungebremst die Ladung eines umgestürzten LKW durchquert. Was der geladen hatte? Terasi oder fermentierte Garnelen... der Geruch (oder besser Gestank) hing noch tagelang in allen Klamotten, in Nase und Rachenraum...

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    1. Uahhh, Patchouli! Das haben alle um mich herum mit 15 benutzt, das ganze Klassenzimmer stank :)
      Ich war immer mehr für den Duft "Grüner Apfel". Und dann kam "My Melody".
      Wie die DDR riecht, weiß ich leider nicht. Nach Linoleum vielleicht?

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  6. Geht mir wie Dir – und ich (hass-)liebe diese unvermittelten Zeitreisen. Den duftd er Koteletts (Vaddern!) habe ich jetzt in der Nase... weh!

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  7. Ich finde es auch immer wieder faszinierend, was für Erinnerungen aus den Tiefen meines Gedächtnisses hervorquellen, wenn ein bestimmter Geruch ganz plötzlich an meine Nase weht. Ich bin nicht annähernd so gut, dass ich daraus einen Beruf hätte machen können, aber ich finde es schön, dass so manch Vergessenes wieder lebendig wird.
    Der Duft des Kalbes UND der Kartoffeln zieht bei deinem Bild fast an mir vorbei. Schön... und zum Glück bin ich grade satt.
    Was auch vorbei zieht ist ein schwarzer Fleck bei dem Wort "brut". Kannst du bitte ein "briet" draus machen? Sowas macht mich irre ;-)
    Einen schönen kalten Sonnen-Tag wünscht Bastel

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    1. *gni*
      Schon erledigt!
      Weisste, gut riechen können, aber Ausdruck und Grammatik sechs. Tsss...

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  8. Was für eine schöne Erinnerung. :)

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    1. Danke Dir, es freut mich, dass sie Dir gefällt!

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  9. Hab natürlich nicht diese ausgeprägte Gabe, bin aber auch immer wieder fasziniert über tiefsitzende Erinnerungen speziell aus der Kindheit, die bei mir ausschließlich durch Düfte reaktiviert werden. Beipiel: Wenn ich nach Haus zu meinen alten Eltern komme, die immer noch in meinem Geburtshaus leben, der Geruch im Flur beim Öffnen der Haustüre katapultiert mich 40 Jahre zurück oder ein bestimmter Geruch erinnert mich an den Eingangsbereich unserer Ferienpension an der Nordsee, irre, meine ich manchmal. Und letztens roch ich altes Brot und bekam ein Bild, wie ich als Kleinkind mit meiner Urgroßmutter Schafe durch einen Zaun mit altem Graubrot fütterte ... Irgendwie seltsam schön.

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    1. "Seltsam schön" trifft es ziemlich genau. Ich bin auch immer hin und her gerissen zwischen Freude und Schmerz. Neulich habe ich irgendwo einen Artikel darüber gelesen, wie unser Gedächtnis uns im Alter Streiche bezüglich unserer Erinnerung spielt. Ob das auch auf Düfte zutrifft? Am Ende war nämlich alles ganz anders...

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  10. Grenouille - am Ende wird er zerrissen und verspeist !! Kein wünschenswertes Ende. Eine Bitte: die Netz-Misantrophen in "Netz-Misanthropen" ändern.

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    1. Vielleicht aber gar ein stimmiges Ende für die Autorin eines Foodblogs? ...
      Danke, lieber Heinz, für den Hinweis auf das so falsche wie überflüssige "h". Über so etwas ärgere ich mich ja gerne schwarz...

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    2. Es tut mir leid, aber das "h" war nicht überflüssig , es stand nur an der falschen Stelle. Nicht nach dem "p" sondern nach dem "t".

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  11. dein kotelett sieht köstlich aus. leider hasse ich kotzletts :D
    und zwar seit dem tag, an dem ich gezwungen wurde, so lange am tisch sitzen zu bleiben, bis die fettränder verschwunden wären, die ich beim sonntäglichen mittagessen abgeschnitten und sorgsam am tellerrand platziert hatte, geht das bei mir gar nicht mehr. nicht mal die katze hat mich damals gerettet. die war wahrscheinlich gerade mit wichtigerem beschäftigt, oder wurde absichtlich ausgesperrt.
    nachdem ich am frühen nachmittag meinen kopf erleichtert und stolz wieder aus der kloschüssel erhob, war ich mit koteletts durch. für immer.
    wobei... wenn ich das da so sehe... und wenn man ihm irgendeinen einen anderen namen geben würde, könnte ich es mir vielleicht nochmal überlegen... :D
    zum thema gerüche: viele olfaktorische erinnerungen sind einfach toll für mich - sogar karnickelstallgeruch und rühreibrot aus frischhaltefolie. aber bei patchouli, "opium" von yves saint-laurent und "davidoff cool water" geht's mir noch schlechter als nach dem bereits erwähnten "kotzlett" :D

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

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