Tschüss April! Die Lieblingsdinge und Menschen des vergangenen Monats

Von Hüpfereien, Schmetterlingsflügelschlägen und gelebter Chaostherorie; von Liebe, Freude und Mitgefühl und gutem Essen, sowie Bloggern, die für Discounter werben

Tschüss April! Der Monatsrückblick im Blog | Arthurs Tochter kocht. von Astrid Paul

Prolog 

Der April 2017 erhält das Prädikat Dynamisch. Bereits während der Reha habe ich langsam aber mit viel Biss mein Lauftraining wieder aufnehmen können. Dabei fühle ich mich ein wenig so wie die berühmte Hummel, die angeblich eigentlich gar nicht fliegen kann – ich kann nämlich eigentlich nicht joggen. Das höre ich nun bereits seit Jahren von meinen Ärzten, die mir Radfahren (langweilig) und Schwimmen (laaaaangweilig) sowie Funktionsgymnastik (what the fuck?) empfehlen. Derzeit jogge ich in der Woche zwischen 15 und 20 km und auch, wenn mir meine Trainings-App im Anschluss gerne zu 50 Minuten Spazierengehen gratuliert: hey, ich laufe. Lau_fe! Dazu kommen 3 - 4 Einheiten Yoga pro Woche; es fehlt nicht mehr viel, dann könnt ihr mich wie einen Flummi gegen Wände werfen – also gegen die, gegen die ich in der Regel renne – und ich dotze hüpfend zurück. Hüpf!

Der Liebste fuhr neulich abends mit einem der letzten Züge aus Mainz nachhause. Irgendwann kam der Schaffner (sagt man noch Schaffner? Oder sind das jetzt alles Zugbegleiter?) um die Fahrkarten zu kontrollieren. Ein junger Syrer(?), unterwegs nach Ingelheim in seine Flüchtlingsunterkunft (Fahrtkosten Mainz <----> Ingelheim ca. € 9,00) hatte keinen Fahrschein und sollte an der Haltestelle Mainz-Mombach den Zug verlassen. Um die Uhrzeit kommt dann kein Mensch mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort weg; bitte, wir sprechen von Mainz-Mombach! Also sprang mein Mann ein, übersetzte auf englisch und wollte die Fahrtkosten übernehmen. Der Schaffner verlangte daraufhin € 60,00 Strafgebühr. Als mein Mann insistierte, wurde ihm erklärt, dass "der Konzern kein Interesse am Fahrkartenverkauf auf freier Strecke [habe]". Mit anwesend waren ein älteres Ehepaar, das sich weggeduckt hat; niemand sprang bei, um dem Schaffner sein beklopptes Ansinnen und Herumgereite auf wirklichkeitsfremden Vorschriften auszureden. Die Deutsche Bahn, ein Konzern zum Kotzen, aber deren Mitarbeiter setzen ja auch Kinder auf freier Strecke aus. Übrigens auch, wenn sie erst 13 Jahre alt sind. Menschen, die Menschen nicht leiden können. Sie suchen sich immer Jobs, in denen sie ein kleines bisschen beschissene Macht ausüben können. Übertragen auf die Chaostherorie ist dann wohl der Schaffner ein Schmetterlingsflügel, der dafür sorgt, das ein Mensch vor Wut und Frust einen Passanten niederschlägt, um ihm die Brieftasche zu entreißen, damit er Geld für ein Taxi hat, um in etwas zurückzukommen, das nichts mit seinem Zuhause zu tun hat. Der niedergeschlagene Passant ist Lehrer und schnautzt am nächsten Tag unbeherrscht einen Schüler an, weil ihm vom gestrigen Schlag noch der Schädel brummt. Der Schüler tritt dem Schwächsten der Klasse in der großen Pause vor's Schienbein, einfach nur so, aus lauter Frust ... Fortschreiben könnt ihr diese Geschichte selbst. Erleben könnt ihr sie jeden Tag – ihr müsst ja nur zur Tür hinaus gehen und dem muffeligen Nachbarn in die Augen schauen. 

Als Ausgleich für negative Schwingungen aller Art waren wir im April zum ersten Mal im Buddhistischen Zentrum in Mainz und haben einen offenen Meditationsabend mitgemacht. Dieses Paket an Liebe und Freude, das uns dort entgegengebracht wurde, lässt mich noch heute von Innen nach Außen strahlen. Es ist, als hätte ich einen kleinen Glücksstein hinter meiner Stirn, der mich mit seinem Leuchten wärmt. Liebe. Freude. Mitgefühl. Leider so oft keine Selbstverständlichkeiten. 

Aufgespießt

Aldi macht jetzt Bistro. Im Dicounternachbau des vom italienischen Stararchitekten Matteo Thun geschaffenen Vapiano-Designs können die Besucher im Kölner Mediapark für 3 Monate in Aldis pop up-Bistro 3 Gänge für € 7,99 speisen. Man ahnt, dass dies ein Versuchsballon sein wird; ein kleiner Test, wie Aldi in Zukunft die hippe Zielgruppe erreichen kann, die sich zunehmend von Discountern abwendet. Gekocht wird mit Produkten aus dem eigenen Sortiment – für Produktfanatiker ein Unding. Was nicht heißt, dass es den meisten nicht schmecken muss. Aber vor allem ist dieses Konzept – und das ist das Tragische an der ganzen Angelegenheit: Ein Schlag in die Registrierkasse aller anrainenden Gastronomen, die für diesen Preis nicht annähernd auch nur kostendeckend arbeiten können. Kann Aldi auch nicht, aber der Discounterriese kann es sich leisten, monatelang draufzulegen. Dennoch: Werbung darf ganz viel, geschenkt. Dass aber die ansonsten so scheuen Aldianer nun ins große Social Media-Business einsteigen, überrascht. Schaut man sich instagram unter #aldibistro an, gerät man ins Staunen. Lifestyleblogger halten ihre Louis Vuitton-Tasche zum Aldi-Espresso für € 1,00 in die Kamera und schütteln ihr blondiertes Haar über der Karottensuppe. Foodblogger hypen das Discounterkonzept und reagieren wie Mimosen, wenn andere Instagramnutzer ihnen in die Dosensuppe spucken, indem sie auf die ins Auge springende Diskrepanz zwischen dem sonst nach außen getragenen Anspruch nach regional, saisonal, bio usw. und dem Aldi-eigenen Ausquetschen von Produzenten für den niedrigsten Einkaufspreis aufmerksam machen.

Filme, Serien, Kino, Konzerte

Konzert

Joja Wendt. Die Kunst des Unmöglichen. Unmöglich vor allem, diesen Pianisten nicht zu lieben. Unser 3. Konzert mit ihm und fast unmöglich, noch mindestens ein Jahr auf das nächste warten zu müssen.

Jochen Malmsheimer. Der unermüdliche Kämpfer gegen die Farbe Beige. Endlich mal wieder im Mainzer Unterhaus. Wir hatten 2 Tage Muskelkater im Bauch – dort, wo das Lachen sitzt.



Filme

Snowden. Oliver Stone fast in Hochform. Ein bedrückender Film über das Leben Edward Snowdens, ach was, ein bedrückender Film über unser Leben! Auch ein typischer „Growing to manhood“-Film, wie Oliver Stone das von ihm geschaffene Oliver Stone-Genre selbst nennt.



Girl on a train. Nett, unterhaltsam, konventionell, leidlich spannend. Aber ich stehe sehr auf Emily Blunt, wirklich sehr! Diese Nase! Trailer und Film HIER* [amazon video]

Defiance. Regie: Edward Zwick. Musik: Jamies Newton Howard. Darsteller: Liev (Donovan) Schreiber, Daniel (James Bond) Craig, Jamie (Billy Elliot) Bell. Dazu die wahre Geschichte der Bielksi-Partisanen, die von 1941 - 1945 in Weißrussland weit über 1000 Juden vor der Ermordung durch die deutsche Armee retteten. Großes, bewegendes Kino! [Netflix].

Verleugnung. Deborah Lipstadt ist Professorin für Holocaust-Studien und wird von David Irving, einem selbsternannten Historiker für Nationalsozialismus und Drittes Reich und Holocaust-Leugner, in Frage gestellt. Er strengt eine Verleumdungsklage im Vereinigten Königreich gegen sie und ihren Verleger an, die ihn in ihren Büchern als Holocaust-Leugner bezeichnen. Im Vereinigten Königreich liegt die Beweislast in einem Verleumdungsfall bei dem Angeklagten. Daher müssen Lipstadt und die Rechtsanwaltskanzlei von Anthony Julius und Barrister Richard Rampton beweisen, dass Irvings Darstellungen über den Holocaust falsch sind. Siehe dazu: Irving gegen Lipstadt. [Derzeit im Kino]

Im Blog

Am Beispiel von 12 Bohnen habe ich euch erzählt, wie man sich an das Glück erinnern kann, gekocht habe ich Bohnen im vergangenen Monat auch – hier mit köstlichen Fleischbällchen aus Merguez.

Mit Wolfgang Faßbender, einem renommierten Restaurantkritiker, war ich gemeinsam bei Nils Henkel essen. Unsere Sicht auf das Verhältnis von klassischem Journalisten und Bloggern hat er hier dargestellt, ich in dem Artikel Unterwegs mit einem Restauranttester, Teil 1. Abgesehen davon, dass ich seine in der Überschrift gestellte Frage für ähem... unglücklich halte, war das ein inspirierender Abend – ich glaube, für beide.

Die Paccheri gehen durch die Blogs! Im Gepäck haben sie 'Nduja, diese Höllenwurst aus Kalabrien. Zum köstlichen Rezept von Paccheri mit 'Nduja di Spilinga, Blaubeerwodka und Büffelparmesan geht es HIER ENTLANG

Lila, der letzte Versuch! So könnte man meinen Versuch von violetten Süßkartoffelgnocchi mit Salbeibutter und Ochsenschwanzragout nennen. Ob sie gelungen sind, könnt ihr HIER lesen.


Gestorben

Michael Ballhaus. Legendärer Kameramann. Erfinder des Ballhaus-Kreisels. Kameramann eines meiner Lieblingsfilme, der sogar ein Rezept hier im Blog hat: Paulies Knoblauchmethode aus Good Fellas.

Der Ballhauskreisel


Autor Robert M. Pirsig. Weltberühmt wurde er mit seinem Bestseller Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten*. Erst von über 100 Verlagen abgelehnt, wurde der Roman weltweit millionenfach verkauft.

Regisseur Jonathan Demme. Leider so richtig berühmt nur für Schweigen der Lämmer, drehte er einen der besten Konzertfilme aller Zeiten: Stop Making Sense. Hinzu kommen Philadelphia, Gefährliche Freundin, zwei Episoden der herausragenden Serie Killing und Der Manchurian Kandidat.

In dem Zusammenhang drehen bitte alle jetzt mal die Anlage laut. Sehr laut. Und tanzen!





Lieblingslinks

Die 13 schwulsten Autos
Eine Fachjury vergibt seit 2005 den European Gay Car Award für Autos, die ihrer Meinung nach eine typisch schwule Ausstrahlung und Konzeption haben. Sportliche Zweiplätzer stehen hoch in der Gunst. Habt ihr nicht gewusst, ne? Ich auch nicht. Nachzulesen HIER.

Die Bundesregierung hat (mal wieder) den Armuts- und Reichtumsbericht geschönt. Und was ich persönlich mir für die nächste Bundestagswahl wünsche: Die Abschaffung von Andrea Nahles; in meinen Augen neben Thomas de Maizière eines der untragbarsten Mitglieder des Kabinetts. HIER.

Art up your tab. Mit dieser Erweiterung für Chrome beginnt jeder neue Tab mit einem berühmten Kunstwerk. Durch einen Klick auf das Bild werden die Informationen zu Künstler, Museum etc. eingeblendet. Ich. Liebe. Es. Erhältlich im Chrome Store via Anke Gröner.

Endlich sagt's mal einer! Zu den Neuerungen im Literaturbetrieb und dem neuen Kanon von Denis Scheck. Was wollte ich noch sagen? Ach, hab's vergessen. Bin gerade eingeschlafen... schnarch... HIER.

Mein Lieblingsblog im April

Radikale Heiterkeit. Wie der Name sagt. HIER

Aussichten in den Mai

Leipzig, Burg Schwarzenstein, vegetarisch Grillen, Wein in Berlin und vieles mehr. Ich freue mich auf all das und vor allem auf euch!



  Genießt euren Tag!




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Arthurs Tochter

Astrid Paul, die Autorin von Arthurs Tochter kocht., ist besessen vom Essen. Sie wacht manchmal nachts auf, weil ihr im Traum Essensdüfte durch die Nase ziehen. Dann steht sie auf und fängt an zu kochen. Oder zu schreiben. Vielleicht kocht sie auch nur, um darüber schreiben zu können, wer weiß das schon...

Kommentare :

  1. So einen wahnsinnig "netten" Zugbegleiter haben wir neulich auch wieder erleben dürfen... Da wünsche ich mir insgeheim immer, dass so einer mal an einem Freitag oder Samstag Abend auf der Strecke von Köln nach Düren (oder wahlweise nach Duisburg) seinem Job nachgehen muss. Ohne begleitende Security versteht sich...

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  2. wegen michael ballhaus hatte ich ausgiebig rumgehault. jonathan demme ist irgendwie an mir vorbeigegangen. verdammt!
    meine lieblingskamerafahrten stammen aus "the fabulous baker boys", vor allem die flügel-räkel-szene zu "makin' whoopy" von michelle pfeifer.
    und demme werde ich immer und ewig für "married to the mob" lieben. schon wieder michelle pfeifer. und was macht eigentlich matthew modine heute?!
    über "stop making sense" müssen wir nicht diskutieren :D
    ... und über malmsheimer sowieso nicht. wieso haben wir den diesmal verpasst?! grrrr...
    danke für den rückblick! =)

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    1. oh ja, Michelle Pfeiffer, Miss Orange County 19paarundachtzig... :) Fein auch die Szene am Auto mit der Zigarette... Und hast Du denn etwas nicht Stranger Things gesehen? Matthew Modine hat dort eine wirklich fiese Rolle!

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  3. Einer meiner Tagträume ist, dass die 50 obersten Bahnfuzzis vertragsgemäß nur öffentlich unterwegs sein dürfen. Ich gehe davon aus, dass diese Damen und Herren noch nie einen Regionalzug aus der Nähe gesehen haben, geschweige denn pendeln mit der Bahn. Letztes Highlight: Neffe fährt mit Kumpels in ein Konzert in die 60km entfernte Stadt. Der letzte Zug zurück entfällt ersatzlos. So gewinnt man Kunden.
    Immerhin gibt es Jonathan Demme, The Talking Heads und Stop Making Sense um sich wieder aufzurichten.

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    1. Gute Idee! Bitte inklusive dieser finsteren Bahnbusse, die einen samt des mürrischen Fahrers zu später Stunde über Land schaukeln, während sie immer entweder 10 Minunte zu früh abfahren oder 30 Minuten zu spät. Man muss sich also immer mindestens eine Stunde um die auf dem Fahrplan genannt Zeit herum an der Haltestelle einfinden.

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  4. Vielen Dank für die Ehre. Ich trinke übrigens einen minderwertigen Chardonnay, während ich diese Zeilen tippe. Mehr Food-Content ist von mir leider nicht zu erwarten … Herzliche Grüße! ;)

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  5. Liebe Astrid, ich muss jetzt doch einmal eine Lanze brechen für die Zugbegleiter (oder wie immer die korrekte Berufsbezeichnung auch lauten mag). Ich verstehe Deine Wut über die beschriebenen Fälle und davon gibt es wahrlich genug. Doch mir passieren immer mal wieder nette Begegnungen mit Zugbegleitern und - innen, gerade letztens, als ich am Frankfurter Flughafen einstieg und ich Döspaddel mir vor der Reise ein Sparpreisticket mit Zugbindung gekauft hatte, doch der Flieger hatte 2 Stunden Verspätung und ich musste einen späteren Zug nehmen. Theoretisch hätte die nette Dame sagen können, ich hätte kein Ticket. Doch sie sagte "ist in Ordnung, ich nehme Sie so mit". Das gibt es auch. Wollte ich nur mal erzählen. :-) LG Andrea

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    1. Liebe Andrea,
      das klingt wirklich nach einem kleinen Lichtblick! Ich hatte auch schon nette Erlebnisse mit Zugbegleitern, allerdings neigt man dazu, Selbstverständlichkeiten zu überhöhen, wenn man zu viel Schlechtes gewohnt ist ;)

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser. Ich freue mich daher, wenn er gut behandelt wird!

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