Der Anfang vielleicht...

...und der letzte große Biss

Luftwurzel der Weinrebe | Arthurs Tochter kocht von Astrid Paul


„Ich möchte vom Leben alles. Ich möchte eine Frau, aber auch ein Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein… Es ist nicht leicht, alles, was ich möchte, zu bekommen. Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig vor Zorn.“ (Simone de Beauvoir)

Rückblick

Rückblickend kennt den Anfang jeder. Es gibt diesen einen Punkt, an dem man hätte zurückgehen müssen. Innehalten. Oder Hilfe suchen. Wenn ich zurückblicke, sehe ich ihn ganz genau. Es ist nicht einer, sondern sogar ganz viele. Viele Momente. Nach ungefähr drei Jahren habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr lese. Ich. Die Frau, die mit 5 Büchern in den 14tägigen Urlaub fliegt und nach 10 Tagen an der Strandbutze teuren Nachschub kauft. Die Frau, die schon als Kind erste Sätze gesammelt hat, die Klassensieger, Schulsieger, Stadtsieger im Vorlesewettbewerb der 6. Klassen wurde. Keine Rede in der Schulaula ohne mich. Lesen, vortragen, alles meins. Die von den Eltern geschimpft wurde, sie würde nicht lesen, sondern Bücher fressen. Sie kamen einfach nicht mehr nach. Ich las Arthurs VDI-Nachrichten mit der gleichen Begeisterung wie Karl May. Ich las weg, was mir unter die Finger kam. Und dann war ich Anfang 40 und las nicht mehr. Seit über drei Jahren nicht mehr und niemand hat es gemerkt. Ich redete weniger und nur noch in kleinem Kreis. Ich sagte Fernsehsendungen ab, verzichtete auf Kochshows, mochte keine Interviews mehr. Ging nicht mehr auf Parties, traf kaum noch Menschen. Kaum jemand sagte etwas. 
Knospe an der Weinrebe | Arthurs Tochter kocht von Astrid Paul

Rosenzweig im Garten, Frühjahr 2016 | Arthurs Tochter kocht von Astrid Paul
Heute weiß ich, dass Dunkelheit die Konzentration frisst. Das ständige Drehen um sich selbst, das man zwar nicht bemerkt, weil man sich dennoch ständig um die Liebsten sorgt, denkt man, aber doch dreht man sich nur noch um sich selbst, das frisst. Auf. Die Konzentration zuerst. Und das ist das besonders Perfide, dass man sich nur noch um sich selbst dreht und sich dabei doch so vernachlässigt. Man denkt vielleicht, das geht nicht, aber das geht gut, ich weiß das, ich bin Meisterin darin. Das macht erstmal Angst, man merkt, da passiert etwas. Die Angst kann man betäuben, Tavor hilft und löst. Und darüber löst man sich auf. Löst sich auf in etwas Nichtmehrgreifbares, man wabert so umher, das ist kein Leben aber das merkt man nicht. Die anderen, die merken es vielleicht wenn sie wollen. Aber sie sagen nichts, denn sie sehen einen so klein und sie haben Angst, sie würden einen vollends zerbrechen, wenn sie dann noch obendraufhauen. Alle haben Angst, keiner sagt was, das ist der Boden, auf dem die Dunkelheit gedeiht. An den Haaren hätte man mich ziehen müssen zur Hilfe. Als ich sie selbst wollte, war es schon fast zu spät. Wenn man anruft und um einen Termin bettelt und sagt, dass man nicht mehr liest, schon seit Jahren nicht und dass das gefährlich ist, das verstehen nicht so viele und die, die verstehen, haben keine Zeit. Und dann hat man die Tabletten gegen die Angst und die Zeit verrinnt und es gingen ganze Jahre, von denen ich nicht weiß, wo sie geblieben sind. Weggelöscht. Die Dunkelheit frisst die Konzentration, anschließend die Erinnerung und dann frisst sie die Liebe. Die Liebe zuletzt, das ist der letzte große Biss und er reißt die schlimmste Wunde.

Ergänzung: 

Dieser Beitrag ist eher ein Rückblick auf die vergangenen Jahre als eine aktuelle Zustandsbeschreibung. Ich versuche derzeit, Mechanismen aufzudröseln, zu schauen, was wann warum passiert ist und meine "Trigger" besser einzuschätzen. Ich bin voller Mut und hey - ich bin eine starke Frau, das sage ich mir jeden verdammten Tag! Wie es mir aktuell geht, habe ich hier versucht, in Worte zu fassen. Es gibt dunkle Tage, aber sie werden weniger. Und ihr, die ihr mir schreibt und mich virtuell umarmt - ich hab' euch lieb, das klingt so _____, aber genau so ist es. Ihr seid alle in meinem Herzen! 

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