Wenn Blogger Bücher schreiben, finde ich das per se erst einmal toll. Mittlerweile genießen sie (die Blogger) ein relativ großes Maß an medialer Aufmerksamkeit und der Gedanke Blogger macht Buch klingt nicht mehr halb so abseitig, wie noch vor ein paar Jahren. Wenn aber jemand weit ab allem Social Media fundierten Backgrounds, in diesem Fall ein überaus ambitionierter Hobbykoch, ein Buch schreibt, - dann kann das entweder mit einem hohen Maß an Hybris oder aber mit großem Mut in Verbindung gebracht werden. Wahrscheinlich braucht es eine gesunde Mischung aus beidem.

Manfred Kuscher sind wohl beide Eigenschaften nicht fremd. Und mit diesen im Gepäck hat er bereits vor zwei Jahren sein erstes Kochbuch konzipiert - da lag sein
heutiger Blog noch in weiter Ferne. Medial sozialisiert in Europas größtem Kochforum haut er dort seit Jahren kulinarischen Kleingeistern virtuell auf die Finger, und fordert immer wieder, dass man/frau sich doch bitte ein bisschen anstrengen möge, bei der Zusammenstellung von Zutaten und Menüplänen. Vom kulinarischen Standpunkt aus betrachtet ist mir bisher kaum ein unnachgiebigerer Mensch begegnet als Manfred Kuscher.
Persönlich begegnet bin ich ihm erstmals im September 2009 bei einem von ihm organisierten und geleiteten Workshop für die molekulare Küche,
von dem ich hier im Blog berichtet habe. Passenderweise fand dieser aufregende und lehrreiche Tag in den ehrwürdigen Hallen einer Staudengärtnerei statt, gleich neben Manfreds Versuchsacker gelegen. Im Hauptberuf ist er Dipl. Ing. für Gartengestaltung und sein Hauptaugenmerk liegt auf der Kultivierung schon lange vergessener Pflanzen. Das Beste, was diesen widerfahren kann, ist, von ihm angebaut, gepflückt und zubereitet zu werden.
Bei seinem letzten Workshop war ich leider nicht dabei, aber die Bilder dazu habe ich mit großer Begeisterung angesehen:
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Sämtliche Foodpictures: Chris Schwemmer
www.genusslandschaften.net |
Im Buch finden sich so wunderbare Rezepte wie:
Gezwetschge Knofelbeignets
Blutwurstpudding & Brombeerchutney
Saiblingfilet auf Safrangraupen und Blutampfer
Schweineknöchla-Crepinette
dazu unzählige wunderbare Desserts.
Es ist - und das gefällt mir am meisten - einfach und schlüssig aufgebaut. Jeder einzelne Zubereitungsschritt ist in kurzen aber völlig ausreichenden Schritten beschrieben, und zwar in der Reihenfolge, wie diese Schritte in der Praxis ablaufen. Fast blind könnte man Manfreds Rezepte nachkochen und sich dabei ganz auf seine Anleitungen verlassen. Im Anhang findet sich eine Auflistung und Erklärung der verwendeten Zutaten wie z. B. Calamansi Balsam, essbare Chrysanthemenblätter, Himmelsschlüssel (essbare Primel) und Wiener Griesler. Der Schwerpunkt seiner Rezepte liegt auf außergewöhnlichen Pflanzen und Kräutern, die aber mit ein bisschen Engagement und einer guten Gärtnerei in der Nähe oder dem Internet, ohne Probleme zu beschaffen sind. Im Zweifelsfall einfach eine Mail an Manfred schreiben.
Anlässlich dieses Artikels hat Manfred mir ein kleines Interview gegeben:
Erzähl doch mal kurz, wann und wo Du geboren wurdest. Bist Du ein waschechter Franke? Was verbindet Dich mit Deiner Heimat und was bedeutet der Begriff „Heimat“ für Dich?
Ich bin ein Jahrgang ´56 und Waage, wenn das wen interessieren sollte. Meine Heimatstadt ist die Goldschlägerstadt Schwabach in Mittelfranken. Das bedeudet ich bin derzeit emigriet nach Oberfranken, genau enommen nach dem schönen Forchheim.
Was zeichnet den Franken aus?
Man sagt den Franken ja nach, dass sie ein besonderer Schlag Menschen sind, maulfaul, manchal etwas ruppig im Umgang mit den Mitmenschen, oft direkt und mit einer gehörigen Portion Humor versehen, der nicht jedem sofort zugänglich ist - ich glaube so gesehen bin ich durchaus typisch.
Du bist im Hauptberuf Gärtner? Hast Du dafür ein Studium absolviert? Wenn ja, wie lange?
Ich bin gelernter Gärtner, das ist richtig. Über den 2. Bildungsweg habe ich nachgeholt, wozu ich zuvor zu faul und zu stur war - übrigens auch ein Wesenszug der Franken - und habe Landespflege studiert, das Studium selbst hat 4 Jahre gedauert.
War die Leidenschaft zum Essen vor der Leidenschaft zum Kochen da, und wenn ja: wie hast Du sie ausgelebt?
Das Kochen war ganz früh eine wichtige Sache für mich, es stand auch der Beruf des Kochs zur Diskussion. Wir haben bereits als Kids in der Hauptschule eine komplette Jungesklasse in Hauswirtschaft durchgesetzt, wo nur gekocht wurde. Später mit eigenem Haushalt kam dann auch das Kochen und mit zunehmenden Alter und Interesse dann auch ein (hoffentlich) steigendes Niveau.
Bist Du ein „Allesesser“ oder gibt es etwas, das Du nicht anrührst? Wenn ja, warum?
Es gibt wenige Sachen die ich prinzipiell nicht anrühre: lebende Tiere (z. B. Austern oder wie es momentan modern ist Garnelen), einige Innereien, wie Herz und Hirn, das wiederum hat was mit meiner Kindheit zu tun. Ansonsten bin ich offen für alles.
Ich selbst habe Dich unter dem Synonym Gwexhauskoch ca. 2005 im Chefkoch erst virtuell und später auch persönlich kennengelernt. Seit wann bist Du bei ck Mitglied und warum?
Warum?! Eigentlich ganz einfach - ich habe ein Rezept gesucht, Tom kha gai, und es hat mir gefallen. Zu der Zeit habe ich mich schon länger geärgert, dass ich vieles gekocht habe, natürlich immer eigene Rezepte, aber niemals was notiert habe. Durch das Aufschreiben der Rezepte, habe ich mich in dieser Hinsicht diszipliniert, denn ich wollte die Rezepte für meine Kinder sammeln - ein Buch, eine Broschüre damit war schon damals meine Vorstellung.
Du giltst dort vielen als streng und unnachgiebig, siehst Du das auch so? Woher kommt Dein Anspruch?
Ja, bin ich und das ganz bewusst. Ich habe keinen Anspruch, ich habe eine klare Meinung und die vertrete ich - im Internet und im realen Leben.
Mittlerweile kochst Du viel auf kleinen aber auch auf sehr großen Veranstaltungen mit mehreren hundert Gästen, teilweise unter der Ägide namhafter (Sterne)Köche. Wie kam es dazu?
Die kleinen Veranstaltungen sind ja meine eigenen Events, Kochkurse bzw. auch als Rent a Cook.
Die haben sich aus dem Kontakt zu Profiköchen entwickelt, welche ich zum Teil im CK kennen gelernt habe. Dazu habe ich viele, viele Ideen - manchmal zu viele rund um meine Interessen Kochen, Kräuter, usw. Dass ich bei einigen "Größen" mit mischen kann - da aber als Hiwi - kommt daher, dass ich eine Versuchspflanzung hatte und auf die Leute zugegangen bin, ihnen meine Produkte angeboten habe. Im Gegenzug habe ich darum gebeten, in deren Küchen mit machen zu dürfen.
Ist das noch Hobby oder mittlerweile viel mehr?
Zum überwiegenden Teil ist es noch Hobby, wenn ich auch gewerblich organisiert bin.
Siehst Du Dich selbst eher als kochenden Gärtner oder als gärtnernden Koch?
Momentan als kochenden Gärtner - was die Zukunft bringt , wer weiß?
Mit welcher Pflanze arbeitest Du am liebsten und warum?
Ach da gibt es viele und das ändert sich laufend! Unter den Kräutern liebe ich derzeit Süßdolde und Winter-Estragon besonders, bei den Gemüsen sind es Artischocken, beim Obst derzeit Schwarze Maulbeeren, beim Fleisch Taube, beim Fisch grade Makrelen.
Ich mag immer das gerade was aktuell ist und wozu mir derzeit Rezepte einfallen.
Mittlerweile bist Du nicht mehr nur bei ck aktiv, sondern schreibst auch Deinen eigenen Blog. Seit wann und warum kam es dazu?
Den Blog gibt es seit etwa einem Jahr, wenn ich mich nicht irre und ganz ehrlich gesagt, es ist ein wenig Selbstdarstellung *grins*.
Welcher Koch hat Dich am meisten inspiriert?
Viele - ich lese sehr viele Kochbücher und ich habe viele Kontakte, zu Profis und zu Amateuren. In meinem Leben habe ich gelernt, dass man von jedem was lernen kann, sicher von Leuten die das Kochen professionell machen andere Dinge als von anderen.
Tief beeindruckt haben mich Andre Köthe vom Essigbrätlein, mein Lehrherr" Klaus Feiler, von gleichnamigen Hotel in der Fränkischen Schweiz, mein Freund Konstantin Möhring und Bücher wie "Noma", "Quay" und "Eleven Madison Park" um nur einige wenige zu nennen.
Bist Du ein „Sterneesser“? Unternimmst Du gezielte Restaurantreisen?
Ich ehe gerne in Sterneresto, hier in der Gegen und wenns klappt in der Schweiz - größere Reisen mache ich nicht deswegen.
Gibt es eine Grenze, die Du bereit bist, in einem Restaurant für ein Menü zu bezahlen?
Ja, wenn mein Bauchgefühl "nein" sagt - das ist unabhängig von der Summe selber.
Das was ich bislang bezahlt habe, habe ich immer als gerechtfertigt gesehen.
Was bedeuteten Dir die Begriffe „Spitzengastronomie“ und „Avantgarde“?
Spitzengastronomie gibt es für mich breit gefächert, das kann nach meinem Verständnis auch der Gasthof nebenan sein, der eine einfache aber sehr gute Küche hat.
Avantgarde sind für mich die Künstler unter den Köchen. Das sind die die in Sachen Ästhetik und in Sachen Technik neue Wege gehen. Das bewundere ich sehr!
Erkläre bitte den Begriff der molekularen Küche für einen Laien verständlich mit EINEM Satz.
Kochen ohne das Korsett des Herkömmlichen, mit dem Wissen was chemisch und physikalisch genau passiert, auf der Suche nach dem Neuen und Anderen.
Inwieweit hat diese Küche Dich beeinflusst?
Sehr stark, weil es eine sehr kreative Küche ist ohne Grenzen und ohne Scheuklappen -das passt zu mir.
Siehst Du sie am Ende?
Unter diesem Namen - ja! Aber in Wirklichkeit ist sie in nahezu allen gehobenen Küchen zu Hause.
Wohin zieht in Deinen Augen die kulinarische Trendkarawane derzeit?
Eindeutig die autochthone Küche, wenn ich meinen Begriff dafür verwenden darf!
Regional, jahreszeitlich, ästhetisch.
Welches Kochbuch ist aktuell Dein Liebstes und hast Du einen all-time-favorite?
Eleven Madison Park und nein, die wechseln immer wieder.
Wieviele Kochbücher hast Du? Hast Du ein festes monatliches Kochbuchbudget?
Ich habe keine Ahnung - es sind viele, so viele dass ich mir immer wieder vornehme auszumisten, wenn ich dann da drann gehe, stelle ich alle wieder ins Regal. Nein, es gibt kein festes Budget.
Welches war Dein letzter Kauf?
"L´Air du Tepms" - ein Hammerbuch(!) und Fäviken.
Welches war Dein eindrücklichstes Restaurant- bzw. Esserlebnis, und warum?
Im Essigbrätlein - Köthe kocht unaufgeregt aufregend, ohne große Show mit extrem viel Geschmack - ich habe tagelang gegrübelt was mich an dem Essen so fasziniert hat.
Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Buch (oder Bücher) zu Deinen Rezepten zu veröffentlichen?
Ich wollte ein Buch für meine Kinder schrieben - das zweite dann für mein Ego.
Hast Du mit dem Selbstverlegen aus der Not eine Tugend gemacht oder war das ein bewusster Entschluss?
Das habe ich bewusst so entschieden, denn ich wollte so lernen wie man ein Buch macht. Mit allem Drum und Dran - den Fotos, den Layout, eben alles.
Träumst Du von einem Kochbuch in einem etablierten Verlagshaus?
Träumen nicht - schön wäre es natürlich!
Hattest Du Berührungen mit Verlegern und wie hast Du diese erlebt?
Nein, bislang nicht, ich habe auch noch keinen Kontakt gesucht. Vielleicht kommt das ja noch.
Wie lange hast Du an Deinem ersten Buch gearbeitet?
Das erste, war eine reine Fingerübung, das dauerte etwa 3 Monate. Ich habe es nicht veröffentlicht, weil es meinen Ansprüchen am Ende nicht gerecht wurde. Am Zweiten habe ich länger gearbeitet, so über einen Zeitraum von etwa 4 Monaten.
Wann ist es erschienen?
Das zweite Buch habe ich anfang 2012 veröffentlicht.
An welche Leser_innen richtet es sich, welche Zielgruppe sprichst Du an?
Meine Zielgruppe sind neugierige Amateure, die auch mal "schräge" Kombis/Zutaten usw. ausprobieren wollen. Rein handwerklich gesehen sind meine Rezepte sehr einfach nach zu machen, das ist mir auch wichtig.
Hat diese sich in der Realität als eine andere herausgestellt?
Ich bemerke mit etwas Stolz, dass das Buch auch gut von Profis gekauft wird.
Gibt es aktuelle Koch- und/oder Buch-Pläne, von denen Du erzählen möchtest?
Gerne, im Frühjahr kommt mein nächstes Buch heraus, Arbeitstitel "...neues vom Gwex"!
Darinnen zeige ich neue Gerichte, solche die noch nicht so im Internet zu finden sind, außer vielleicht in meinem Blog. Derzeit wird auch an einem Fingerfoodbuch gearbeitet. Dazu habe ich zu Mitarbeit im Internet aufgerufen und es steht eine tolle Gruppe von sehr kompetenten Leuten bereit, mir bei der Umsetzung zu helfen, was ich mit vorgenommen habe - abgefahrene und gwexische Fingerfoods zu zeigen - aber alles will ich noch nicht verraten. Ich habe noch 2-3 weitere Titel, die irgendwann kommen, aber da ist es noch zu früh um darüber zu reden.
Wenn Du für den ganzen Rest Deines Lebens nur noch drei Gerichte essen dürftest, welche wären das?
Linsensuppe, Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, Döner.
Vielen Dank, lieber Manfred, für das Interview und die vielen köstlichen Rezepte, mit denen Du viele Menschen seit Jahren begeisterst!
Manfreds Buch ist für ambitionierte Hobbyköche praktisch
state of the art und selbst von manchem Profi wünsche ich mir manchmal so viel Kreativität, Mut und Stringenz.
Kaufen, Marsch Marsch!
...typisch Gewx! Band I - meine Klassiker
Erschienen im Eigenverlag
Broschiert, 190 Seiten
€ 21,95 inklusive Porto innerhalb D, Inselzuschlag bitte erfragen
Zu bestellen bei
Manfred Kuscher
inkraut@freenet.de
Blog:
100°C
Homepage:
Inkraut - kulinarische Sonderkulturen
Disclaimer:
Diese Buch wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Nur mir selbst und meinen Leserinnen und Lesern bin ich in meiner Meinung verpflichtet, egal, ob ich für ein Buch bezahlt habe, oder nicht. Verrisse veröffentliche ich selten, (es sei denn, als Warnung vor dem Kauf) da ich im Fall eines völlig misslungenen Werkes lieber Kontakt mit dem Verlag und/oder dem Autor(en) aufnehme und das Buch in der Regel zurückschicke. Allerdings erhält längst nicht jedes Werk meine "Kaufen, Marsch Marsch"-Empfehlung.
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