"Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh. Wie ich in Paris kochen lernte, ohne jemanden umzubringen" von Sigrid Neudecker | Jeden Tag ein Buch


Subjektivität ist etwas Tolles! Vor allem, wenn man keinen Hehl aus ihr macht, so wie das meistens bei mir der Fall ist. Sie vereinfacht mir das Leben ganz ungemein! Essen bei meinen Freunden? Schmeckt mir besser, als in jedem Restaurant der Welt! Wein vom befreundeten Winzer? Ist mir täglicher Göttertrunk im Glas! Bücher, deren Autoren meine Freunde sind? Also bitte, von was reden wir? 

Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh: Wie ich in Paris kochen lernte, ohne dabei jemanden umzubringen*

Ich habe in den letzten Tagen ein wenig versucht Revue passieren zu lassen, wie ich Sigrid Neudecker kennengelernt habe. Vielleicht ist sie mir das erste mal aufgefallen, als sie meinen Beitrag vom Kochen eines Hühnerfonds kommentiert hat. Dass ihr dabei alles verbrannt ist, dass ich fürchterlich überlegt habe, vielleicht doch zu flapsig in meiner Beschreibung gewesen zu sein, dass ich wieder in Grübeln kam, dieser Blog sei entgegen seiner Intention vielleicht doch nicht zur Verbesserung der allgemeinverständlichen Alltagsküche geeignet - geschenkt. 

Ich schrieb damals: 
Diese (die Knochen) kommen mit ein wenig Öl begossen bei voller Pulle in den Ofen. Dabei einfach in diesem auf den Boden schieben. Hast Du eigentlich schon einmal gesehen, dass in einer Profiküche mit "Ofen, 2. Schiene von unten" gearbeitet wird? Siehst Du, ich auch nicht. Also rein. Dann lass es ruhig ein wenig qualmen. Bei mir ist das jedenfalls so, da die Dichtungen an meinem Ofen ausgeleiert sind und ihrer Verpflichtung nicht mehr in vollem Umfang nachkommen. 
Bei Sigrid Neudecker wurde in der Folge aus dieser leicht verständlichen Anleitung ein mittlerer Küchenbrand. Wenn man den Aufzeichnungen in ihrem Buch (S. 192 + 193) glauben möchte, kam sie nur ganz knapp an einer Rauchvergiftung vorbei. Netterweise trug sie mir die Katastrophe nicht nach, sie wird wohl damals schon geahnt haben, dass es an ihrer eigenen Verwechslung der der Worte "ein wenig qualmen" mit "anbrennen lassen" lag. Über ihren Kommentar kam ich flugs zu ihrem Blog, diese menschgewordene Küchenkatastrophe musste ich mir aus der Nähe betrachten. Und so entwickelte sich in den letzten Jahren ein reger Austausch über Kochen, Kinder, Männer und andere Desaster.


Schnell enteckten wir Gemeinsamkeiten auch in der Kombination mit unseren Männern, nur dass die Rollen selbst anders verteilt sind. Bei ihr kocht der Mann und sie räumt auf, während sie selbst noch schnell ein Billy-Regal zusammenschraubt und aus Kabelbindern in MacGiver-Manier den Balkon bastelt. Bei uns koche ich, während P. die Küche aufräumt und en passant noch schnell ein Gartenhäuschen zimmert. So war ich nur mäßig nervös, als wir uns irgendwann zum Essen verabredeten - ich war mir ziemlich sicher, dass wir uns auch nach einer persönlichen Begegnung noch mögen würden. Es kam, was kommen musste, als sie nach diesem Abend wieder nach Paris zurückreiste, hatte ich eine Träne im Knopfloch.

Ist das Essen, oder kann das weg?

Und gestern also hielt ich endlich ihr neues Buch in den Händen. Ihr neues, denn es ist nicht ihr erstes, aber davon später mehr. Ein wenig haderte ich mit mir selbst, ob ich den Umschlag vom Piper-Verlag öffnen sollte, wusste ich doch, was darin lag und ich war mir ebenfalls bewusst, dass mein Tagwerk mit Öffnung erledigt sein würde. Da ich aber eh sehr herum kränkle in den letzten Tagen, schnappte ich mir Buch und Hühnersuppe und ging zurück ins Bett. Als ich auf Seite 18 war, bestellte ich mir online ein weiteres Exemplar, weil ich beim Lachen die Hühnersuppe ins Buch gespuckt hatte. Nach Seite 90 überzog ich das Bett frisch, bei Seite 156 hatte ich schon 7 zerknüllte Taschentücher vom Tränen wegwischen auf der Kommode liegen. Bei Seite 205 klopften die Nachbarn; voller Sorge, ich könnte mir neben eines formidablen grippalen Infektes ergänzend eine seltene asiatische Lachkrankheit zugezogen haben.

Wie ich mir mein Gulasch ertanzte...

Und jetzt werde ich mal ganz ernst - ehrlich, ich bemühe mich, und das Buch liegt vorsichtshalber außer Reichweite - wer dieses Buch liest, und nicht lacht - der hat diesen berühmten Stock an ebenso berühmter Stelle sitzen und ganz sicher auch sonst nicht viel Spaß im Leben. Aber solche Menschen lesen ja auch diesen Blog nicht, insofern ist das Buch wie gemacht für Dich :) Für mich leitet es wieder die heimische, im Alltagsstress etwas verloren gegangene, Tradition des "Schatz, liest Du mir noch etwas zum Einschlafen vor..." ein. Das haben P. und ich viele Jahre so gemacht, ich las und er schlief ein, vorzugsweise mit einem kleinen Glucksen im Hals, denn die tragischen, ernsten, inhaltsschweren Bücher heben wir uns stets zum Selberlesen auf. Unsere bevorzugten Einschlaf-Vorlese-Lektüren stammen seit vielen Jahren von Heinrich Spoerl, Ephraim Kishon und Erma Bombeck. Letztere, weil schon meine Mutter meinem Vater aus "Nur der Pudding hört mein Seufzen"* vorlas und ich somit das in-den-Schlaf-lachen-durch-Vorlesen schon als Kind kennen und lieben gelernt habe. Wenn man aus einem Buch vorliest und dabei immer wieder vor Lachen lange Atempausen machen muss, wenn der Zuhörer schon mitlacht, obwohl Du den nächsten Satz noch gar nicht zu Ende gelesen hast, sondern er nur lacht, weil Du ihm vorlachst – dann ist es richtig. Wenn Du aus einem Buch für Dich alleine liest und Du das Bett überziehen musst, weil Du vor Lachen die Hühnersuppe (ersetzte das Wort "Hühnersuppe" gerne mit einer Flüssigkeit Deiner Wahl) ausspuckst - dann ist es richtig.


Und darum sage ich mit aller mir zur Verfügung stehenden Objektivität: Gehe hin und kaufe dieses Buch. Am besten 2, Du weißt ja warum, sicher ist sicher. Oder gleich 3, dann hast Du noch eines zum Verschenken. Und was ich noch hinzufügen möchte: Marsch Marsch!



Taschenbuch: 304 Seiten Verlag: Piper Taschenbuch (12. November 2013) Sprache: Deutsch ISBN-13: 978-3492303958 € 9,99*



Broschiert: 247 Seiten Verlag: Fischer Taschenbuch; Auflage: 1 (5. August 2009) Sprache: Deutsch ISBN-13: 978-3596182329*

Zum Blog: Frau Neudecker lernt endlich kochen 

*affilate-link siehe Impressum


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Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. Ist ja gut - ich hab's ja schon bestellt!

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  2. Ich mochte das Blog schon - und jetzt in Buchform! Dem Kaufbefehl komme ich sehr gerne nach. Danke für diese Rezension. (Ich lese das Buch am besten in der leeren Badewanne, damit ich das Bettenbeziehen spare)

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  3. Mich musst Du nicht überzeugen -ich habe schon gekauft und lache noch :-)
    Und ein wenig neidisch bin ich auch auf Dich....weil ich hätte auch mal gern ein Essen mit Sigrid Neudecker.
    Unnd übrigens: das zweite Exemplar zum Verschenken ist schon eingeplant...

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  4. Ich harre noch der Dinge. Angeblich soll ich auch ein Rezensionsexemplar bekommen *angeb*, aber wenn's bis morgen nicht da ist, geh ich kaufen! Jawohl! Das gekaufte spuck ich dann an, das geschenkte darf in den Bücherschrank. Recht so?
    Lieben Gruß aus Wien von Frau Ziii

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  5. Liebe Christin, nur eines? Du brauchst mehr. Oder Du machst es dann so wie Julia, und liest es in der Badewanne. Die Idee finde ich ganz gut und praktisch, wenn auch unbequem. Aber es gibt ja diese wasserfesten Nackenkissen mit Saugnäpfen :)

    Liebe Susanne, habe ich im Bericht erwähnt, dass wir natürlich "außer Haus" gegessen haben? Wer weiß, wie der Abend ausgegangen wäre, wenn Frau Neudecker gekocht hätte :)

    Liebe Frau Ziii, ich grübel jetzt noch ein wenig, was wohl besser fürs Karma ist - das Rezensionsexemplar zu bespucken oder das selbst gekaufte. Was meinst Du?

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  6. Jaja...ist ja schon gut. Du hast mich. Morgen geh ich in den neuen Buchladen. Ich bestell so viel Exemplare, wie sie ordern kann, erzähl ihr, was an dem Buch besonders ist und hoffe ein wenig Verkaufsprovision zu bekommen. Und selberlesen tu ich natürlich auch!

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  7. Ich hatte ja schon bei Frau Ziii das ein oder andere Mal von Frau Neudecker gelesen, jetzt steht es fest, das Buch brauche ich. Aus aktuem Geldmangel landet es auf meiner Weihnachtsliste.
    Und grade stelle ich fest, das dieser tolle Blog hier ganz in meiner Nähe entsteht, oh wie wunderbar!

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  8. Eine wunderbare Buchbesprechung! Wahr, witzig... so gut bekäm ich es nie selbst hin! Ich hoffe, ich darf sie verlinken... Madame mogelt etwas: Sie muss eine wunderbare Köchin sein! Ich habe das Buch mit größtem Vergnügen gelesen und werde sicherlich einige Rezepte nachkochen. Meine Lieblings- Kochblogs sind auch angegeben... Super!!!! Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich an die Geschichten denke und bin neidisch auf die französischen Märkte.

    LG MamaBeate

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  9. Haaaach, dieses wunderschöne Buch….so kommt eines zum anderen…meine Freundin Patrizia hat diesen schönen Umschlag gestaltet und so schenkte sie mir dieses Buch zu einer Dinnereinladung…ich dachte naja, wieder jemand, der nicht kochen kann ( in Wirklichkeit doch ..) und nun professionell mit diesem Unvermögen flirtet und fischt ( nämlich nach Komplimenten…) …. NEIN; in der Tat nicht, ich habe noch nie jemanden erlebt, der so wenig kochen kann und es trotzdem mit aller Leidenschaft möchte….Ich habe mich halb blöd gelacht beim Lesen, auch die Beschreibungen des Pariser Lebens sind einfach HERRLICH !!! Auf Französisch tritt sie zielsicher in jedes Fettnäpfchen, was sich anbietet - das hätte ich nicht besser gekonnt ! Und wo steht dieses Buch nun ? In meinem Kochbuchregal !! ( sagt man nicht so schön, aus Fehlern lernt man ??? ) Ich habe mich neulich in der Tat an dem Tafelspitz versucht, er ist dank Sigrids Fehlern und den aber köstlichen Beilagen GROSSARTIG geworden ! Und die Quintessenz ? ich habe den Blog von Astrid Paul abonniert und schaue seit kurzem, bei allem, was ich nicht genau weiss, wie ichs kochen soll, erst mal in der Bloggerszene nach und dann erst bei Chefkoch !!!
    Danke für die grossartige Rezension !
    Zuzi

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

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