Mehr Respekt, bitte!


Gestern Nachmittag saß ich bei der Polizei um Anzeige gegen einen Fahrer der Deutschen Post zu erstatten, der mir samt Baseballschläger in der Hand drohte, den Schädel einzuschlagen. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte... In dem kleinen Vorraum saßen am Nachbartisch zwei Frauen, von denen eine ohne Unterlass redete und mit Papieren wedelte. Da die Tische und Stühle nur ca. Armeslänge voneinander entfernt standen, kam ich nicht umhin, die Unterhaltung mit anzuhören. Kennst Du das? Wenn Du etwas hören MUSST, obwohl Du es vielleicht gar nicht willst? Sehr unangenehm, wie ich finde. Schnell ging aus dem Gespräch hervor, dass die  eine, die ständig redete, wohl eine Betreuungsvollmacht über die andere hatte und ihr die Post sortierte. Was heißt sortierte; sie öffnete sie und las ihren Inhalt. Nicht laut vor, sondern sie fasste nur zusammen. Manchmal auch das nicht, sagte nur "das interessiert Sie nicht" oder "das ist nicht wichtig" und zerriss die entsprechende Post. Währenddessen sank die Betreute immer mehr in ihrem Stuhl zusammen. Nachdem ich irgendwann über Bankverhältnisse, Stromabrechnungen, Schwerbehindertenausweise, Urlaubsantrag und Planung und vieles mehr ungewollt informiert war, baute ich eine "goldene Brücke" und bot höflich an, kurz vor die Tür zu gehen, damit alle privaten Dinge in Ruhe ungestört besprochen werden könnten. 

Die Betreuerin blaffte mich daraufhin an mit den Worten: "Wieso? Sie kennen uns doch gar nicht!" Ich erwiderte höflich, dass es vielleicht einfach nur für die Dame angenehmer sei, wenn niemand Fremdes diese Dinge mitbekäme. Dass ich durch ihr Herumwedeln mit den Papieren schon lange Namen und Adresse auf den Briefköpfen hatte sehen können, verschwieg ich aus Rücksichtnahme. Die Dame, die betreut wurde, drehte zaghaft den Kopf zu mir und sah mich dankbar an, während die andere Giftpfeile aus ihren Augen schoss. Einige Zeit später wurden die zwei von einer Beamtin abgeholt. Ich weiß nicht, warum die beiden dort saßen. Ich kann nur hoffen, dass diese Dinge sonst nicht in öffentlichen Räumen besprochen werden, denn die schweigsame, betreute Frau war vielleicht schwerbehindert, aber sicher nicht schwachsinnig. (Und selbst wenn!) Immerhin ging sie ja wohl einer Erwerbstätigkeit nach. 

Ich weiß nicht, was alles passieren muss, damit ein erwachsener Mensch nicht mehr Frau oder Herr seiner selbst sein darf. Vielleicht ist diese Frau nicht mehr in der Lage, ohne Unterstützung ihr Leben zu meistern. Hat sie nicht trotzdem den gleichen Respekt wie wir alle verdient? Sollte man nicht mit ihrer Post und Ihren Unterlagen genauso vertraulich umgehen, als seinen es die eigenen? Sieht so die Betreuungsrealität in Deutschland aus?

Ich bin ganz schön schockiert! Kennst Du Betreuungsfälle aus der Praxis und weißt, wie das abläuft? 


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Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. Das klingt sehr gemein und unerhört! Ich kann nur sagen, dass meine Mama als Betreuerin arbeitet, und zwar aus Leidenschaft und mit mehr Einsatz als verlangt (und bezahlt) wird. Aus ihren Erzählungen höre ich heraus, wie es nun mal überall ist: es gibt solche und solche, und leider auch Kollegen, die ihre Betreuten von oben herab behandeln . Besonders schlimm natürlich bei einem solchen Abhängigkeitsverhältnis, wo man dich auch eigentlich annehmen möchte, dass das mehr Berufung als Beruf ist. Allerdings habe ich den Eindruck, dass das die Ausnahme ist und ich denke, man kann das nie über einen Kamm scheren.
    Viele Grüße, Anne

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  2. Ich komme in meinem Arbeitsleben immer mal wieder mit Betreuern in Kontakt (ich bin meistens für die Betreuten zuständig) und kann nur bestätigen, dass es sehr wechselnd ist. Viele, die meisten Betreuer eigentlich, kümmern sich wirklich toll und sind bemüht. Manchmal aber interessiert es sie gar nicht und man muss dann höflich auf die Verpflichtungen, die ein Betreuer hat, hinweisen. Im Zweifel muss das Gericht eingeschaltet werden... Ich verstehe Deine Wut und würde vermutlich ähnlich empfunden haben.

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  3. Hey, ich kenne auch einige Betreuungsfälle aus meinem Arbeitsleben. Ich betreue junge Mütter und ihre Kinder und diese Mütter haben meist auch eine gesetzliche Betreuung. Daher kenne ich die unterschiedlichsten Fälle und weiß, dass es hier genauso ist, wie überall: mal so und mal so. Viele haben Respekt und kümmern sich gut, ohne zu bevormunden oder wie ein Kleinkind zu behandeln. Dann gibt es aber auch solche Fälle, wie deinen beschriebenen. Die Frage ist ja immer, woran liegts? Viele gesetzliche Betreuer sind Anwälte oder Privatpersonen, die dann entsprechend ausgebildet werden ob das reicht...?). Dann gibt es viele Sozialarbeiter o.ä.. Und dann stimmt halt manchmal die Chemie einfach nicht und wenn dann deswegen der Respekt flöten geht, muss man sich aus so einem Fall rausziehen - das wäre professionell. Ich selber bin Sozialarbeiterin und vermeide es "meine" Mütter vor ihren Kindern (wie die "Super"-Nanny) anzuweisen oder zu sagen, wie es denn laufen sollte. Das Wort "Respekt" wird im Alltag so oft benutzt. Ich finde, dass wir manchmal dabei vergessen, wie wichtig und bedeutsam er ist. Ich lese gerne hier bei dir, habe mich aber heute sehr gefreut mal was ganz anderes zu lesen. Dein Angebot in dieser Situation finde ich ganz bemerkenswert und ich bin sicher, dass es dieser Betreuerin sicher so bald nicht aus dem Kof gehen wird. Es ist nämlich wichtig und überhaupt nicht sinnlos, wenn wir uns einmischen.
    Liebe Grüße!

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  4. Leider habe ich damit beruflich zu tun. Früher hieß das ja Entmündigung und das sollte eigentlich abgeschafft werden. Da die Betreuungsverfahren sich verhundertfacht haben, sind leider manchmal Betreuer am Werke, die weder die berufliche noch die persönliche Qualifikation hierfür haben. Hierzu kommt noch das die Betreuer der Betreuungsbehörde oft 30 und mehr Menschen betreuen. Da kann nichts vernünftiges rauskommen.

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  5. ...und mehr Wertschätzung! möchte ich deine Überschrift ergänzen. Ich habe keine Erfahrung mit solchen Fällen, aber erschreckt mich, deinen Post zu lesen und macht mich betroffen. Wenn es mehr Respekt und Wertschätzung gäbe, hätten wir alle viel weniger Probleme und viel mehr Grund zur Freude.
    Viele Grüße, Dirk

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  6. Ich arbeite beruflich mit diversen Betreuern zusammen. Ich denke, das war leider ein schlechtes Beispiel. Die meisten Betreuer verhalten sich respektvoller.
    Aber natürlich gibt es auch in dieser Branche Menschen, die die Arbeit vom Typus her nicht ausüben dürften.

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  7. Ich habe damals als Praktikantin in einer Förderstätte für Menschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung ähnliche Erfahrungen gemacht, die mich bis heute noch verfolgen. Wie die Gruppenbetreuerin mit einer MS-Patientin umgegangen ist, wird mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung bleiben. Diese Frau konnte sich zwar bis auf schlucken und Augen-Rollen nicht mehr bewegen, war aber geistig voll und ganz fit und hat jede der vielen Beleidigungen und das herablassende Verhalten voll und ganz verstanden. Mich hat das damals so sehr schockiert, dass ich das Praktikum abbrechen musste. Meine Vorwürfe blieben ungehört (ich war ja nur die dumme Praktikantin).
    Kann meinen VorrednerInnen nur zustimmen - manche Leute sind für diese Art von Arbeit absolut nicht geeignet. Ich habe aber auch gegenteilige Erfahrungen gemacht - es gibt Menschen, die diese Arbeit aus ganzem Herzen und mit viel Verständnis und Respekt ausüben. Ich denke das ist in jedem Berufsfeld so, dass es die "Guten" und "Schlechten" gibt, allerdings fällt es nicht immer derart auf die betroffenen Personen zurück.
    Ich finde es gut, dass du dich nicht einmischen wolltest - vielleicht hätte aber ein Hinweis, dass mehr Geduld und Respekt vielleicht wünschenswert wären, auch etwas gebracht. Immerhin siehst du die Frau ja nie wieder, die arme "Bevormundete" muss das aber ständig ertragen. Allerdings ist natürlich auch fraglich, wer dir das Recht gibt, einzuschreiten. Insgesamt eine schwierige Situation :(

    Danke, dass du diese mit uns hier teilst und uns alle daran erinnerst, miteinander respektvoll und geduldig umzugehen!

    Alles Liebe,

    Ela

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  8. Graunevoller Vorfall. Ich verstehe, dass er Dir nahe geht. Vor allem in der aufgewühlten Situation, in der Du selbst warst. Insgesamt empfinde ich aber auch wahnsinnig anstrengend, dass alle Welt ihr Innerstes nach außen kehrt - gerne auch am Telefon in der Bahn oder im Boarding-Bereich am Flughafen. Da bekommt man teilweise so schrecklich private oder vertrauliche Sachen mit, dass man am liebsten versinken möchte im Boden.

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  9. ich habe heute eine fortbildung für mitarbeiterinnen geplannt, mit dem schwerpunkt:haltungen
    für mich mit die wichtigste aufgabe, meinen mitarbeiterInnen darin zu sensibilisieren, mit Achtung und Respekt anderen Menschen zu begegnen.

    wenden sie sich an das vormundschaftsgericht und machen sie auf das fehlverhalten der betreuerin aufmerksm. solche "profis" müssen dringend aus dem verkehr gezogen werden bzw. verpflichtet werden entsprechende weiterbildungen zu durchlaufen.

    jb

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  10. Und was war das jetzt mit dem Fahrer und dem Baseballschläger?

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  11. Mal so mal so. Das Geschäft mit den gesetzlichen Betreuungen boomt oder hat geboomt, und am Ende des Tages ist es dasselbe wie mit Köchen oder anderen Handwerken. Nen paar richtig schlechte verderben den Ruf. Das was Sie erlebt haben ist natürlich hochgradig unprofessionell. Und hier haben Köche nen Vorteil. Machen die Mist kommt bei denen keiner mehr essen. überstehbar. Hat mann oder frau eine vom Gericht bestimmte oder auch familiäre (die auch vom Gericht bestätigt werden muss) "an der Backe" und die ist mies wird sie die/der Betroffene ganz schwer wieder los. Wie gesagt, viel arbeiten nach meiner beruflichen Erfahrung verantwortungsvoll und korrekt, und manche richtig gut, das Beispiel aus dem Post ist ein Desaster.

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  12. Heftig, einfach nur echt heftig. Denke aber, dass du gut reagiert hast. Schon schlimm wenn der/die Betreuer/in so drauf ist - kann bei solchen Menschen auch nicht nachvollziehen, dass sie diesen Beruf ausüben.

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  13. Ich hab als Arzt oft mit betreuten Patienten zu tun und es ist sehr unterschiedlich. Manche Betreuer sind nichtmals bereit in die Klinik zu kommen, um sich über einen geplanten operativen Eingriff aufklären zu lassen. Sie lassen sich die Einwilligung faxen und schicken es unterschrieben zurück. Selbst wenn es um OPs mit weitreichenden Folgen geht.
    Man kann dem aber relativ leicht aus dem Weg gehen. Wenn man in guten Zeiten eine Vorsorgevollmacht anlegt, kann man bestimmte Personen benennen, die einen im Fall der Fälle vertreten sollen.

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  14. Ich bin die Betreuerin meiner dementen Mutter und es fiele mir im Traum nicht ein, mich so zu benehmen.
    Diese Frau, über die du sprichst, ist sicher auch sonst nicht der respektvollste Mensch.
    Mit ihrer Betreuungstätigkeit hat das nur am Rande was zu tun und lässt sich sicher nicht verallgemeinern.

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  15. Ich danke euch allen für die Kommentare, vor allem für die Einblicke, die einige von euch in ihren persönlichen Alltag als Betreuer oder Ärzte gegeben haben. Ich denke, das war wahrscheinlich leider kein Einzelfall und hoffe dennoch, dass die Mehrzahl der Betreuer anders handelt. Wie Sybille sagt,ist diese Frau wahrscheinlich einfach so, und somit geht sie dann auch in ihrem Beruf entsprechend mit den Menschen um.

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  16. Hmmm... Ich stelle in den letzten Jahren leider immer häufiger fest, dass es vielen Menschen an Anstand und Respekt mangelt, Ignoranz jedoch mehr als ausreichend vorhanden ist.

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  17. Leider geht sowas sehr schnell. Also das mit dem Abstempeln und der fehlenden Empathie? "Kennen wir nicht, wollen wir nicht, verstehen wir nicht, können wir deshalb auch nicht ernstnehmen" Und das, was Fu beschreibst, ist ja erst der Anfang. Am anderen Ende der Fahnenstange warten Bahnhöfe ohne Fahrstuehle und Diskussionen, ob sich zwei gehörlose Zwillinge nach Verlust ihres Augenlichtes um Sterbehilfe bemühen dürfen.
    Habe das ganze leider letzten Freitag aus der anderen Perspektive erlebt. Ich war auf Anraten des Chefs (Noch-Chefs, muss ich sagen) bei der Hausärztin. Habe ihr die Umstände der bevorstehenden Kündigung erläutert. "Tja, ich denke, wir beantragen dann mal einen Schwerbehindertenausweis. Und wissen Sie, Sie können eben diese und jene Tätigkeiten mit ihrer Problematik nicht machen. Also informieren Sie sich mal und dann gehen Sie zum VdK und lassen sich beraten ..." Vielleicht hat sie wirklich gedacht, damit würde alles gut. Mir stellen sich noch jetzt die Nackenhaare auf, wenn ich daran denke. Ich rede von einer erwachsenen Frau mittleren Alters mit Familie, der ich nicht unterstellen würde, dass sie auf den Kopf gefallen ist. Dennoch denke ich jetzt doch ernsthaft darüber nach, mir meine Rezepte für die Schilddrüse woanders zu holen. Weil ich auch ganz oft Ohnmacht empfinde in Situationen, in denen ich für mich streiten müsste. Und weil ich diesen Weg eigentlich nicht gehen will. Ich habe es mir nie bequem gemacht. Und erst jetzt finden das so wichtige Leute nicht in Ordnung. :-( So sehr an mir selbst gezweifelt wie in den vergangenen 2 Jahren habe ich noch nie! :-(
    (Wenig überraschend konstatierte die Mutter eines jungen Mannes Typ Tagtraeumer, dass die gesetzlich üblichen 30% nur eine Eingangsbestaetigung für den Antrag seien. Sie hat die 80% (!!!) ihres Sohnes anwaltlich erstritten. Nun, so kenne ich sie im Groben auch, trotzdem hat's wehgetan, weil weder sie noch er eine Ahnung zu haben scheinen, welche Selbstständigkeit ihm entgeht.)
    Sorry für fehlende Umlaute, mein Smartphone ist auch nicht perfekt. ;-)

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