Heut' mach ich mir kein Abendbrot...


heut' mach ich mir Gedanken...
Wolfgang Neuss, 1923 - 1989

Wenn frau zum Luftholen kommt in diesen hektischen Tagen, dann kann es durchaus auch für mich die Zeit der Besinnung sein. Zur Besinnung kommen... Was mag das eigentlich heißen? Seine (sieben?) Sinne mal wieder zusammen nehmen? Statt sinnentleertem dumpfen Vor-sich-hinstarren mal wieder etwas Sinnvolles tun? Dinge voller Sinn... Stundenlang könnte ich darüber streiten, was denn nun sinnvoll sei, warum und überhaupt für wen... Aber nicht nur die Frage nach dem Sinn (des Lebens) stellt sich so oft am Ende der Jahre, auch deren Bilanzierung spielt einem gerne übel mit. Radiosendungen sind voll mit Tips zur Aufarbeitung des vergangenen Jahres. Spalten ziehen, Zeilen vergleichen, wer bin ich und warum, ich wäre doch so gerne jemand anderes? Wirklich? Ich bin ganz froh, so mit mir. So wie ich bin. OK, ich gebe zu: Es ginge auch manchmal unkomplizierter. Weniger wahnhaft. Aber auch weniger komisch. Und wer will das schon? Und wie ich so oft zu sagen pflege: Man kann auch schlechter leben. Sogar sehr viel. Jeden Tag muss ich Gott danken, dass ich so leben kann. Mit all meinen Sorgen und Nöten. Mit meiner Familie. Mit den besten Freunden der Welt...

Vielleicht bin ich ungefähr zwölfjährig mit der Nase darauf gestoßen worden, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie mir selbst. Es war die Zeit der Weihnachtseinkäufe, als meine Mutter nach Hause kam und verkündete, an Hl. Abend würde eine fremde Frau mit bei uns am Tisch sitzen. Wir hatten allesamt Fragezeichen im Gesicht, Arthur wohl das größte. Meine Mutter erzählte uns von einer Kundin beim Metzger, die vor ihr in der Reihe stand. Diese Frau (O-Ton meine Mutter) wusste nicht, ob sie sich zu Weihnachten ein halbes Würstchen leisten kann, oder ein ganzes und weiter: darum habe ich sie eingeladen, am 24. mit uns zu essen. Rumms. Das saß. Wir schauten uns alle an. Und fanden die Idee weder besonders außergewöhnlich, noch erstaunte sie uns wirklich. Meine Mutter tat lediglich das, was wir jeden Sabbat in der Gemeinde lernten: Nächstenliebe. Aber auf einmal so in Echt. Gar nicht mehr theoretisch. 

Natürlich fand ich das gut. Ich war offen, hilfsbereit und gütig, wie jedes Kind. Aber es war mir auch grottepeinlich. Ich war ca. zwölf oder dreizehn, wie hätte ich davon in der Schule erzählen sollen? Fremde Leute an Weihnachten zuhause? Darüber kann man nicht reden, so mitten in der Pubertät, eh von den Mitschüler_innen als Adventistenkind mit Argusaugen nach Seltsamkeiten forschend, betrachtet. Den Abend selbst habe ich gar nicht so in der Erinnerung; nur, dass Arthur die Frau später nachhause brachte. Und das es sicher schön war, alles andere hätte ich mir sonst gemerkt. Wichtiger ist aber die Erinnerung an das Gefühl. Diese seltsame Peinlichkeit, gepaart mit dem Wissen, dass hier etwas Besonderes, weil nicht Alltägliches passierte. Und heute bin ich stolz. So stolz auf meine Eltern, die diese Dinge möglich gemacht haben. Einer einsamen Frau ein Weihnachtsfest in einer Familie zu geben. Ihren Kindern zu zeigen, was Nächstenliebe wirklich bedeuten kann. Auch später noch gab es immer wieder Tage, an denen ich von der Schule heimkehrte und ein fremder Mann in der Gartenlaube saß und aß. Jedem, der klingelte und um Geld bat, bekam dieses nun nicht, aber ein warmes Essen und Zuspruch. Und jedes Jahr um diese Zeit frage ich mich, ob ich das genau so tun würde, wie meine Eltern. Die Straßen sind voller Menschen, die in diesen Weihnachtstagen alleine sind mit sich selbst. Einsam und arm. 

Vor einigen Jahren habe ich mich mit einem Obdachlosen in Mainz angefreundet. Er schlurfte samt Hund regelmäßig an dem Weinladen vorbei, in dem ich arbeitete. Irgendwann fing ich an, ihm die Feinkost mit abgelaufenem MHD zu schenken. Er freute sich über Salami und Pasteten im Glas, sowie dem ein oder anderen Fläschchen Cognac, das ich ihm spendierte. Und manchmal erzählte er mir von seiner Vergangenheit... Und wie er heute lebt und froh ist, wenn er im Winterhafen Arbeit findet und nachts auf einem der Schiffe schlafen kann. 

Wenn es nicht so gut lief, berichtete er mir, schliefe er am Rhein in so einer Art Bunker. Er gestikulierte und beschrieb mir den Weg und das "Gebäude", diese mit Planen abgedeckte Ruine am Rhein. Zuhause packte ich. Dicke warme Pullover von P., die er nicht mehr trug. Jacken und Decken. Mit zwei großen Tüten beladen suchte ich nach Feierabend die Ruine. Kämpfte mich im Dunklen durch Gestrüpp auf unbekanntem Terrain. Und stand plötzlich vor einer Art Bunker mit dicker Stahltür, die schief in ihren Angeln hing. Ich klopfte. Tosendes Gebell. Kakophonie von Hundestimmen samt ihrer Herren, die sie zur Ruhe schrien. Irgendwann filterte ich ein Herein und öffnete die schwere Tür. Es war dunkel. Und es stank erbärmlich. Der Geruch war so unerträglich, dass ich fast fluchtartig wieder zurückwich. Schweiß, Pisse, Tierexkremente. Während die Hunde noch immer wie wahnsinnig bellten und alles um sie herum wie wahnsinnig schrie, um sie zur Ruhe zu bekommen, gewöhnten sich meine Augen langsam an die Dunkelheit. Berge von blauen Müllsäcken auf festgestampftem Erdreich. Etwas Kerzenschein. Viele Männer und eine Frau unter Decken begraben zum Schutz vor der Kälte. Jemand rief harsch was willst Du? Ich fragte nach meinem Bekannten und seinem Hund. Er war nicht dort. Ich überließ meine Tüten den anderen und floh aus dunklem Gestank nach draußen. Fassungslose Tränen liefen mir über die Wangen. Ich war mitten in Mainz, in der Landeshauptstadt. Nicht in einer Favela, in keinem Slum. Und doch. Genau vor meiner Haustür. 

Am Samstag drauf ging ich zum Markt und kaufte Fleischwurst und Brötchen. Brachte den Menschen im Bunker Frühstück. Einige Tage später war dieser leer. Bepackt mit einigen Schokoladentafeln aus dem Laden ging ich etwas weiter zu einem Zeltdorf mit weiteren Obdachlosen, direkt am KUZ, dem Mainzer  Kulturzentrum. Dort herrschte fast eine gepflegte Bauwagenatmosphäre. Im Gespräch mit den Bewohnern erfuhr ich, dass es mindestens zwei Klassen von Obdachlosen gibt. Meine Bekannten aus dem Bunker waren die Ausgestoßenen. Selbst die gewöhnlichen Obdachlosen blickten auf sie herab. Das nahm ich persönlich und besuchte die Zeltsiedlung nie mehr wieder. Irgendwann arbeitete ich nicht mehr in Mainz und verlor den Kontakt. An den üblichen Plätzen in Mainz halte ich stets Ausschau, ob ich jemanden aus dem Bunker sehe, aber mittlerweile glaube ich, dass sie alle weiter gezogen sind. 

Jedes Jahr zu Weihnachten spendet P. im Namen von uns an das Kinderhospiz Bärenherz in Wiesbaden. Die Möglichkeiten für uns alle, zu spenden sind Legion. Wir persönlich haben uns dazu entschieden, Organisationen oder Menschen vor unserer Haustür zu unterstützen. Das geschieht völlig ohne Wertung. Es gibt kein besser oder schlechter, wenn man etwas tun möchte. Arthur z. B. unterstützt einen Gnadenhof für Tiere. Ich halte mich eher an Menschen. Andere spenden an große Organisationen in der ganzen Welt. Alles egal. Hauptsache, frau tut etwas. Ich glaube lediglich, dass es besser ist, das zu Verfügung stehende Geld EINER Organisation zur Verfügung zu stellen. Jede Spende frisst Verwaltungsgelder und von zu viel kleinen Spenden bleibt am Ende zu wenig über. Aber auch das ist meine ganz persönliche Sicht der Dinge. 

In diesem Jahr bin ich auf die Initiative "Freiabonnements für Gefangene e. V" aufmerksam geworden. Die TAZ teilte ein Bild samt Link bei facebook und weckte meine Neugier. Nachdem ich mich eingelesen hatte, habe ich mich kurzerhand für eine Paketspende angemeldet. Und so brachte ich heute ein Paket an die JVA Dortmund zur Post, prall gefüllt mit Tabak, Kaffee, Tee, Stollen etc., auf das dort M. T. bereits wartet und sich freut. Und alles, wirklich alles, was P. darauf hin anmerkte, habe ich mich auch selbst gefragt.
Z. B., was das wohl für ein Mensch sei, der dort sitzt. Und wegen was überhaupt. Ich weiß nicht, ob es sich um einen Mörder, Kinderschänder oder Dieb handelt. Ich weiß nicht, wie lange er "sitzt" und warum. Ich weiß auch nicht, ob ich ihn mögen würde, in Freiheit. Aber was ich weiß ist dies: Er hat sonst niemanden, der ihm zu Weihnachten etwas schenkt, ergo hat er wahrscheinlich keine Familie. Glücklich kann er nicht sein, wer kann das, wenn er eingesperrt ist, ob zu Recht oder nicht. 

Und ist nicht dies der christliche Gedanke schlechthin, der uns beseelen sollte in diesen Tagen? Jemandem etwas zu geben ungeachtet seiner Taten. Vorbehaltlose Güte dem Fremden gegenüber. Gerade dem, von dem wir glauben, er sei vielleicht schlechter als wir. Seid großherzig!

In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deinen Lieben, euch allen, ein feines Weihnachtsfest. Seid gut zueinander, haltet Euch fest in Worten und in Taten. Liebt Euch und auch den Nächsten. Seid christlich, wenn ihr dieses Fest begeht. Und pflanzt den Keim der Liebe in Eure Kinder!

Herzlichst
Eure Astrid 





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Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. Hmmm...
    Es sei mir gestattet, mich zu verneigen... Chapeau !!! Verneigen per se ist für mich definitiv ein no go, aber diese Deine Geisteshaltung verlangt mir einen gewissen Respekt ab...
    In diesem Sinne, Dir und den Deinen eine gesegnete und fröhliche Weihnacht !!! ;-)

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  2. Wow, mein tiefster Respekt, DAS sollten mal die bekloppten Nachtredakteure lesen.

    Ganz schöne, ruhige, besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch!

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  3. Gesegnete Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Dir Yushka, die schon länger bei Dir mitliest und Dich und Deine Courage sehr gern hat!

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  4. Ich spende auch, aber im Stillen!

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  5. Liebe Pimpimella,
    smack zurück! :)

    Lieber Markus,
    Das ist so unnötig wie übertrieben. Aber Danke für Deine netten Worte!

    Lieber SirVivor,
    Danke Dir, die lesen hier eh ständig mit, ich kann das sehen ;)

    Liebe Yushka,
    Danke für die netten Worte!

    Lieber Weihnachtsmann,
    das ist fein! Es ist immer gut, anderen Gutes zu tun.

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  6. Ich musste sofort an die Wut von Caro (Lokalredakteurin in Freiburg) denken:
    http://misscaro.blogspot.co.uk/2012/12/schreibt-doch-mal-was-uber-obdachlose.html

    Weil deine Geschichte zeigt, wie es anders geht. Beste Wünsche!

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  7. Liebe Kaltmamsell,
    Danke! Für den Link und die guten Wünsche, die ich von Herzen zurückgebe! Ich verfolge mit Spannung Dein Auszeitjournal! :)

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  8. Liebe Astrid,

    Weihnachten kann so einfach sein.

    Ein geruhsames Weihnachten wünscht dir und deinen Lieben

    Martin

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  9. Ich kann mich während meiner drei Jahre in Mainz an den einen oder anderen schönen Grillabend am Rheinufer mit Überraschungsbesuchern erinnern. Statt den Menschen einfach "nur" das Leergut zu überlassen, bricht sich glaube ich niemand einen Zacken aus der Krone, wenn er ein Bier und eine simple Bratwurst abgibt. Wir hatten, zwar nach ein zwei Bier zuviel, sehr schöne und interessante Gespräche. Eine wunderbare Art zu helfen, ist übrigens auch der Kältebus. Viele Städte bieten mittlerweile Busse für die Nacht an, um bei eisigen Temperaturen Obdachlose zu schützen. Einfach mal googlen...

    Ich wünsche allen ein frohes Fest und besinnliche Tage!

    Mario

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