Chez Pierre | Klein-Frankreich in Klein-Winterheim



Der ein oder andere Zuschauer der Sendung Das perfekte Dinner bei VOX kennt sie vielleicht aus dem Fernsehen: Murielle Stadelmann, Sängerin, Köchin, Gesamtkunstwerk, Wonderwoman. Als in diesem Jahr (es war dieses Jahr, liebe Murielle, oder?) die Sendung  DpD über die Bildschirme der Nation flimmerte, flogen ihr die Herzen zu, man konnte es spüren und in sämtlichen, die Sendung begleitenden Internetforen lesen! Seit langem habe ich mir die Woche angesehen, ansonsten finde ich das Format ja eher so *örgs*. Das Tolle für uns- wir wohnen gleich um die Ecke von Murielle, wenn sie denn mal hier in der Gegend weilt. Viele ihrer Engagements führen sie leider weg aus Rheinhessen, zum Singen und als private Köchin für den Direktor einer bekannten Staatsoper, etc. 

Dafür lässt sie uns ihren Papa da. Pierre. Auch so ein Gesamtkunstwerk. Eines aus Koch, Franzose und Nuschler. Das ist nicht despektierlich gemeint, ich dachte nur immer, dass ich ihn akustisch seit Jahren kaum verstehe, liegt an meinen mangelnden Französischkenntnissen,

ehrlich, nur drei Wörter, die ich fehlerfrei aussprechen kann: 1. Yves 2. Saint 3. Laurent und schon oft habe ich mich gefragt, warum eigentlich meine Eltern meinem irren Wunsch nach einem Medizinstudium und dem Versuch eines Latinums nicht energischer im Wege standen, schließlich haben sie mir sonst auch jede Menge verboten...

oder aber an seinem Alkoholkonsum während des Kochens oder an meinem während des Essens. Aber Murielle tröstete mich kürzlich, das sei halt so. Er nuschelt. Aber auf französisch! Das klingt natürlich ungleich charmanter! Aber ich schweife ab... Murielle und Pierre haben über 10 Jahre eine französischen Weinstube in der Mainzer Altstadt geführt, den Templer. Liebevollst eingerichtet, dunkles Mobiliar, typische französische Bistroküche, Klein-Frankreich, auch für "kleines Latinum mit Ach und Krach"-Menschen wie mich ein Hort der weinseligen Genüsse. Manchmal war das Essen ein bisschen so wie Pierres Nuscheln, ich habe es nicht verstanden. Immer alles gut und frisch und fein zubereitet, sowie angerichtet, setzte ich doch irgendwann nur auf französische Gerichte bei ihm, die waren stets eine sichere Bank. Wenn er meinte, er müsse kulinarische Ausflüge nach Italien oder so unternehmen, ignorierten wir diese und  freuten uns auf den Winter, in dem es im Templer das wohl beste Cassoulet außerhalb Frankreichs gab. Oder seine Rinderbacken in Rotwein, sein Boeuf Bourgignon... seine Knoblauchschnecken (auch so ein *örgs* für mich, aber P. führe für Pierres Schnecken weit, weit, weit...). Im Sommer servierte er leichte Salate mit Entenleber, Entenleber! Oder Elsässer Flammkuchen, die genau so schmecken, als würdest Du kurz hinter Kehl im kiesigen Innenhof bei Mamie Adelaise sitzen und Dir die Sonne ins Edelzwickerglas scheinen lassen.

Aufgrund widrigster Umstände haben Murielle und Pierre den Templer vor einigen Wochen aufgegeben. Das Wehklagen der Mainzer höre ich bis hierher in die rheinhessische Kleinstadt, allein - mir ist es egal. Jetzt habe ich halt Klein-Frankreich in Klein-Winternheim, das ist für mich die gleiche Strecke (kilometermäßig), aber viel schöner zu fahren. :) Man sollte ein Restaurant nicht am Eröffnungstag besuchen, am besten auch nicht in den ersten Tagen danach, wenn das aber jeder machen würde... siehste. Wäre auch blöd. Also sind wir the day after, Murielle bat uns schon vorab, Geduld mitzubringen. Das macht uns nichts aus, zumal wenn wir uns darauf vorbereiten können. Gegen den ersten großen Hunger versprach sie gleich zu Anfang, uns ordentlich mit Matjestatar abzufüllen, eine Aussicht, die mich entzückte. 

Die Entscheidung zum Wein für die Vorspeise fiel schnell, der Eisbach von Battenfeld-Spanier schmeckt, wie eben einem solchen entsprungen, ein bisschen, als würdest Du Flußkiesel lutschen. Kiesig, mineralisch, knackig.

Derart für den Anfang gestärkt, zeigte uns Murielle ihr neues Reich. Mit kleinem lauschigen Innenhof (man, was freue ich mich auf den Sommer!), über den man in einen kleinen Clubraum gelangt, neudeutsch lounge, mit Bar, gemütlichen Clubsesseln und kleinen Tischen, Platz für ca. 15 Personen um in entspannter Atomosphäre abseits des Weinstuben-Restaurant-Trubels zu genießen. Wir lachten und erzählten, als hätten wir uns seit Jahren nicht gesehen. Für insider ist das jetzt ein Brüller! :) Pierre kocht und Murielle kümmert sich um den Service. Wobei kümmern nicht das richtige Wort ist. Murielle rockt!
Dann kamen P.s Schnecken
saugeil, wie er sagte. Und für mich eine Handkäs-Riesling-Suppe, die Pierre mit Kreuzkümmel abgeschmeckt hat; ich hätte mich fast hineingelegt vor lauter Begeisterung. Die wird nachgemacht, aber sowas von!
Dann das Rumsteak für P. (obligatorisch) und für mich Coq au vin (fast obligatorisch, wenn jahreszeitengemäß gerade kein Cassoulet zur Hand)

Ein bisschen ist bei Pierre die Zeit stehen geblieben. Das macht nicht zuletzt den Charme aus, ich persönlich mag aber diese Verzierungen nicht, egal ob unsägliche Industriebalsamicocrème oder sirupartig eingekochte Traumsaucen. Aber vielleicht bleibt er sich einfach nur treu, wartet noch ein paar Jahre ab und dreht uns Puristen dann allen eine lange Nase, weil ja immer alles wiederkommt. Wir werden also sehen, wer den längeren Atem hat, Pierre oder der Zeitgeist. Das Rumpsteak war perfekt (und P. ist da sehr äh... mäkelig), dem Coq au vin hätte mehr "Bums" gutgetan, aber wir waren am zweiten Tag da, selbst schuld.

Zum Essen trank ich einen offenen Roten, den ich vergessen habe *schäm*, und fotografiert habe ich ihn auch nicht. Aber Du ahnst, was das heißt - er war so beliebig, so schnell schluck und weg, egal. Später habe ich noch ihn hier probiert - vielleicht das nächste Mal mehr davon, er war zu kalt und zu verschlossen:
Das Dessert haben wir uns gespart, wir sind nicht soooo süß, es sei denn, es gibt Mousse für P., aber die war nicht auf der Karte. Ich hätte ja noch zum Abschluß ein wönziges Portiönchen des tollen Matjes-Mango-Tatares gegessen, aber irgendwann waren wir froh, mit Pierre und Murielle gemütlich beisammen zu sitzen und einen famosen Abend ausklingen zu lassen. Den Tatar habe ich zuhause dann ganz schnell nachgemacht, aber davon demnächst dann mehr...
Mit dem Wodka hatte ich übrigens nichts zu tun, den trinkt Murielle, sie verträgt nämlich keinen Alkohol. :p

Mit dringendem Hingehbefehl ausgestattet:

Chez Pierre
Hauptstrasse 48
55270 Klein-Winternheim
Telefon: 06136 - 764 90 11
E-Mail: info@chez-pierre.de
www.chez-pierre.de
Mo. bis Sa. ab 17.30 Uhr geöffnet - Küche ab 18.00 Uhr
Sonntag ab 11.00 Uhr geöffnet - Mittagstisch von 12.00 Uhr bis 14.30 Uhr
14.30 Uhr bis 18.00 Uhr Kaffee, Tee und hausgemachte Kuchen

Reservieren! Reservieren! 






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Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. Man kann es drehen und wenden wie man will; der Ppunkt kann einfach kein durch und durch schlechter Mensch sein.

    Ich meine wer Ahnung von Schnecken hat, dem könnte man notfalls sogar auch mal den Blog anvertrauen O:-)

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  2. Handkäs-Riesling-Suppe hört sich spannend an, und kann ich mir irgendwie grad gar nicht vorstellen. Löst der Handkäs sich wohl beim Kochen auf, oder muss der wieder rausgefischt werden? Das will ich ausprobieren. Ich seh mich schon herumexperimentierend am Herd stehen, und aus lauter Verzweiflung den Riesling trinken.

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  3. Hach, BattenfeldSpanier hab' ich auch für mich entdeckt. Kiesel-Lutschen klingt super! Und überhaupt: Klein-Winternheim ist doch nicht soooo weit von WI. Hoffe ich ;-) PS: Ganz links aufm Foto - dachte fast, Du warst mit Charles Schumann bei Pierre :-D

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  4. Lieber Gottfried, Du kennst ihn ja... Aber den Blog anvertrauen? DEN BLOG? *hyperventilier*

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  5. Liebe Nicole, stell Dir einfach eine Rieslingsuppe, gebunden mit Handkäs vor. Dazu schwimmt im Teller noch ein Stückchen, so leicht lüstern angeschmolzen durch die Wärme, bedeckt von Zwiebeln... Herrlich!

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  6. Liebe Julia, also von Wiesbaden ungefähr so wie von der rheinhessischen Kleinstadt. Wir diskutieren das mal morgen beim Sektfrühstück. Es gibt doch Sekt, oder? :)

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  7. HA, die Folge habe ich gesehen und Murielles Matjestatar (schon verbloggt) auf diesen hübsch angerichteten Rote Bete-Scheiben abgekupfert, das hat sie ja so joli gemacht. Kompliment nochmals an dieser Stelle.

    Nänä, Astrid, wo du überall rumkommst. Und Zeit zum Kochen willste auch noch haben. Lebst du mehrere Leben paralell?? Doppelgänger? Irgendwelche Eso-Tricks auf Lager?

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  8. Kuck ma: http://salzkorn.blogspot.fr/search/label/Mango
    Wenn das kein Zeichen ist :)

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  9. Liebe Micha, her mit dem Link vom Tatar, ich will es ja noch verbloggen und Uwe hat auch schon...
    Schick in einfach an eine meiner vielen Persölichkeiten (such Dir die ungestörteste aus) oder hinterlasse ihn hier im Blog. :)

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  10. ja mönsch, das habe ich doch alles gelesen! Aber da war ich wohl so auf den Stevan konzentriert, Du verstehst? ;)

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  11. wenn ich jetzt nicht gerade im Tessin wäre, würde ich jetzt soooofort kommen ;-) Du MUSS ich mal hin! Aber den deutschen Wein zum französischen Essen lassen wir dann weg, gell?

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  12. Die Sendung hab' ich sogar gesehen. Ich fand's prima, was Murielle gekocht hat. Schön, hier einen Bericht aus dem echten Restaurant zu haben, merci.

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  13. Liebe Sabine, aber sowas VON werden wir da mal gemeinsam hingehen! :)
    Und wir trinken, was Du willst!

    Liebe Lemon,
    wenn Du mal in der Nähe bist, dann schau Dir alles mal in Live und Farbe an,es lohnt sich.

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  14. Ich habe Pierre als Teenie kennengelernt. Das ist schon fast 30 Jahre her, also im letzten Jahrtausend, und schon damals hat der Gute gern genuschelt. ;)

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

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