Angestoßen durch
Frau Katha Esskultur, die mir mit ihrem aktuellen Bericht von glücklichen Schweinen mal wieder aus der Seele gesprochen hat, sowie dem Bericht zum Film "Taste the waste" bei
Stevan Paul von NutriCulinary, werde ich heute ein bisschen über mein Einkaufsverhalten sowie die Erzeugung unserer Lebensmittel reflektieren. Dieser Bericht ist zutiefst subjektiv, mit teilweiser großer Wut im Bauch verfasst worden. Die Zahlen zu geschlachteten Schweinen stammen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, andere Zitate aus Wikipedia. Sie sind entsprechend gekennzeichnet. Der ganze Rest ist meine persönliche Lebenswirklichkeit. Fundiert sind die Angaben zur Vernichtung von Brot und Backwaren, da ich selbst in dieser der Branche gearbeitet habe. Am Ende des Textes nenne ich Bezugsquellen für gute Lebensmittel aus meiner Region.
Obst und Gemüse
Ich fange mal damit an, dass ich keinesfalls grundsätzlich Bio-Produkte einkaufe. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen geht mir Regionalität eindeutig vor Bio und die Klimabilanz eines Bioapfels aus Neuseeland lässt mich schaudern. Dann geht in vielen Biobetrieben immer noch der Gedanke an rechtsdrehende Mondumlaufbahnen über den pfleglichen Umgang mit Lebensmitteln und Kunden. Ich weiß, das klingt ein bisschen ketzerisch, aber eine verdreckte Rübe schmeckt nicht gleich besser, sie sieht nur beschissenener aus. Überhaupt bin ich der Meinung, Bio schmeckt man nicht unbedingt. Respektvolle Erzeugung, Mischkulturen im Anbau, gepflegte Böden - all das kann man riechen und schmecken. Ein Siegel – zumal wenn es mit bis zur Unkenntlichkeit weich gespülten Kriterien daher kommt wie das EU-Bio-Siegel – interessiert mich erst einmal weniger. Ich versuche daher, unseren Bedarf an Lebensmittel weitestgehend bei den Erzeugern vor Ort zu decken. Damit geht einher, dass es natürlich gleichzeitig ein durch und durch saisonal orientiertes Einkaufsverhalten ist. Ich brauche im Spätsommer den Spargel aus Peru nicht und auch nicht die Paprika aus Israel.
Geflügel und Eier
Natürlich bin ich keine Heilige und Dogmatiker sind mir immer verdächtig. Meine Auberginen kommen aus Italien, der Reis aus Italien, der Safran aus Österreich. Manchmal kaufe ich Tomaten aus Frankreich, wenn die heimische Ware noch nicht so weit ist. Aber alles was geht, kaufe ich beim Gemüsebauern vor Ort.
Meine Hähnchen kommen von einem Landwirtschaftlichen Kleinbetrieb, der Inhaber, Daniel, ist im ersten Beruf Trockenbauer. Sein Geflügelhof ist klein und soll auch klein bleiben. Wenn er größer wird, übertritt er die Schranken für einen landwirtschaftlichen Kleinbetrieb; die Bestimmungen und Vorschriften, die er dann umzusetzen und einzuhalten hätte, würden ihn finanziell ruinieren.
Und so sind weder die Hähne, nicht die Gänse und auch nicht die Eier "bio". Aber sie sind gut und im Einklang mit der Natur erzeugt worden. Die Hähnchen rennen von morgens bis abends durch die Gegend, so dass das Fleisch am Ende nichts für Gebissträger ist. Die Eier schmecken unvergleichlich - manchmal sind sie noch ein bisschen verdreckt, aber ein kleiner Hühnerschiß an der Schale ist mir allemal lieber, als die "Alibi-Feder", die in jeder industriell erzeugten Eierpackung zu finden ist und das Bild vom glücklichen Huhn heraufbeschwören soll.
Apropos Huhn! Die Wiesenhof-Debatte! Für mich in Teilen verlogen bis zum Anschlag. Ich verstehe einfach nicht, wie man im Supermarkt für € 2,99 ein ganzen Hähnchen erstehen kann, und sich jetzt bei denen in der Reportage gezeigten Bildern vor Ekel windet. Erst nicht für 5 Pfennig nachdenken und hinterher aufregen und so tun, als hätte man das ja alles nicht gewusst, ich glaub es hackt! Am tollsten ist in dem Zusammenhang die REWE, die jetzt großspurig in der Öffentlichkeit verbreitet, wie sehr ihr der Tierschutz am Herzen liegt und wie sehr man jetzt JETZT! ENDLICH! Betriebe wie Wiesenhof unter die Lupe nehmen und in letzter Konsequenz als Lieferanten auslisten wolle. Wenn sie damit fertig sind, können sie wahrscheinlich bei ihrem Metzgereibetrieb "Brandenburg" gleich weiter machen.
Noch etwas liegt mir auf der Seele. Liebe Leserinnen und Leser, kauft die Hühner im Ganzen. Verzichtet auf die praktischerweise abgehackten Keulen in der Großpackung oder in der Auslage der Supermarkt-Metzgerei-Theke. Und bitte bitte bitte kauft nicht immer nur Hühnerbrüste. Die Brust bleibt hier, bereits schick enthäutet - bloß nicht mehr zuviel Ähnlichkeit mit dem Tier erzeugen, von dem sie stammt; der Rest vom Huhn geht nach Afrika und versaut den dortigen Geflügelbauern die Preise. Das Geflügel in den hiesigen Kreatur-quälenden-Großbetrieben wird so billig erzeugt, dass die "unschönen Reste", die die deutschen Verbraucher nicht essen wollen (zum Teil die Keulen, die Rücken und Flügel sowieso) nach Afrika exportiert werden und trotz der Kosten für Verpackung, Kühlung und Transport dort immer noch mit Gewinn verkauft werden können. Und – das ist das Perfideste am System – immer noch billiger sind, als das Huhn vom örtlichen Erzeuger. Der muss seinen Betrieb aufgeben und nagt am Hungertuch, die Kinder können nicht mehr in die Schule gehen, die Frauen müssen betteln, die Töchter sich prostituieren. Da bleibt mir vor Entsetzen und Wut der Geflügelknochen im Halse stecken.
Und wenn Du dann nur die Brust oder nur die Keulen essen willst - mach das doch. Friere Dir den Rest ein. Koch Dir daraus einen tollen Hühnerfond oder eine Suppe. Mach ein Frikassé. Probiere mal die fantastischen Sot-l'y-laisse und ich schwöre Dir, Du wirst den Hühnerrücken lieben!
Rind, Schwein, Wild und Lamm
Ich habe 3 Metzger, bei denen ich mein Fleisch kaufe, 2 von Ihnen schlachten noch selbst. Der, der nicht mehr selbst schlachtet, bezieht mittlerweile sein komplettes Rindfleisch von der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall, beim Schweinefleisch fährt er (noch) zweigleisig. Und der Schinken, den er vom Schwäbisch-Hällischem "Mohrenköpfle" anbietet, ehrlich, da läuft der Saft nur so heraus.

Und doch - dieses Fleisch legt von der Schwäbischen Alb bis zum mir immerhin eine Strecke von über 200 km zurück. Im Vergleich aber zu einem Schwein, das lebend von Deutschland nach Polen transportiert wird, um dort geschlachtet zu werden, falls es den grausamen Transport dorthin überhaupt überlebt, immer noch zu vertreten. 2010 wurden von der deutschen Fleischwirtschaft 59,3 Mio. Schweine geschlachtet und verarbeitet. (Quelle: Landwirtschaftskammer Niedersachsen) Eine Vielzahl von ihnen wurde und wird zur Schlachtung nach Osteuropa gekarrt, weil die dortigen Schlachtereien mit absoluten Dumpingpreisen locken.
"Ungeachtet dessen planen führende deutsche Fleischzentren weitere Wachstumsschritte. Die führenden zehn Unternehmen wollen dabei insgesamt schneller wachsen als der Marktdurchschnitt. Sollte die geplante Übernahme von Tummel durch Tönnies erfolgen, würde die Nummer 1 in Deutschland einen Marktanteil von 28 % erreichen. Der Strukturwandel in der deutschen Schlachtbranche beschleunigt sich also weiter. Kleine und mittlere Betriebe werden aufgeben oder durch Fusionen übernommen werden. Die Wege zu den Schlachthöfen werden sich tendenziell vergrößern und zu steigenden Vorkosten beitragen und damit die Gewinnspannen der Mäster verringern." (Quelle: Landwirtschaftskammer Niedersachsen, ich empfehle den ganzen Bericht zu lesen!)
Zu Tönnies ein Auszug aus Wikipedia:
"Der hohe Anteil von Niedriglohn-Beschäftigten hatte die Firma Tönnies in das Rampenlicht der politischen Diskussion gerückt. Darüber hinaus hatte die Beschäftigungspolitik des Unternehmens – nicht zuletzt wegen der Unterbringung der Arbeiter in Sammelunterkünften – am Standort Rheda-Wiedenbrück zu bundesweiter Kritik geführt. Nach eigenen Angaben beschäftigt das Unternehmen seit einiger Zeit einen externen Beauftragten, der den Zustand der Sammelunterkünfte überprüft.
(...)
Im Jahr 2007 nannte der Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium Gerd Andres auf einer Pressekonferenz die Firma Tönnies als Beispiel für unhaltbare Zustände in der Fleischindustrie. Andres betonte, das Unternehmen beschäftige in seinem Werk am Standort Rheda-Wiedenbrück 2000 osteuropäische und 250 deutsche Mitarbeiter. Andres folgte wenige Wochen nach seinen Äußerungen einer persönlichen Einladung von Tönnies, besuchte den Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück und äußerte sich danach sehr positiv über das Unternehmen.
Seit September 2007 stand das Unternehmen ungerechtfertigt unter dem Verdacht des Betruges. Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Im Zuge des Verfahrens wurde deutlich, dass der Betrugsverdacht von Wettbewerbern in der Fleischbranche eingefädelt wurde. Gleichzeitig konnte Tönnies nachweisen, dass ein Mitarbeiter des Eichamtes vorsätzlich Waagen manipuliert hat, um den Vorwurf des Betruges zu festigen. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel recherchierte in diesem Zusammenhang intensiv und warf die Frage auf, inwieweit die verschiedenen Vorwürfe nicht Teil einer Kampagne des größten Wettbewerbers Vion N.V. seien, der scheinbar mit einem Versuch einer Übernahme gescheitert war. Am 15. Dezember 2010 gab das Landgericht Essen bekannt, dass es keine Anklage wegen Betrugs zulässt und die Anklage der Staatsanwaltschaft Bochum endgültig abgewiesen hat. Spiegel online bezeichnete die Einstellung als "Herbe Niederlage für die Staatsanwaltschaft Bochum".
Im April 2008 berichtete das ARD-Magazin "Report Mainz", dass bei Tönnies Mitarbeiter videoüberwacht wurden. Mit flächendeckenden Kameraüberwachungen sollen laut Zeugenaussagen Betriebsangehörige selbst in Umkleidekabinen und auf Toiletten gefilmt worden sein. Die Firma Tönnies räumte gegenüber Report Mainz die Videoüberwachung teilweise ein und begründete sie mit Hygienekontrollen. Die Reinigung der Hände und das Anziehen der Schutzkleidung werde überwacht. Gefilmt würden „Garderobenräume, (...) keinesfalls aber Dusch- oder Umkleidekabinen." In allen Fällen erfolgt die Überwachung durch sichtbare Kameras. (...) Die Arbeitnehmervertreter sind ebenfalls informiert und haben diesem System ausdrücklich zugestimmt.“ Allerdings gibt es bei Tönnies laut Gewerkschaft weder einen Betriebsrat noch eine andere gesetzlich legitimierte Arbeitnehmervertretung. Das Unternehmen beobachtete seine Mitarbeiter mit über 200 Kameras in allen betrieblichen Einrichtungen, auch in Dusch- und Umkleidebereich. Die Beweislage war so eindeutig, dass Tönnies einem Bußgeld von 80.000 € zustimmen musste.
Im November 2009 berichtete "Report Mainz", dass die Staatsanwaltschaften Oldenburg und Bielefeld wegen des Verdachts auf Bestechung und Steuerhinterziehung gegen Subunternehmer von Tönnies ermitteln. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die Unternehmen Schmiergeldzahlungen an Tönnies in Millionenhöhe als Betriebsausgaben deklariert haben. Die Schmiergelder sollen gezahlt worden sein, um von Tönnies bevorzugt Werkverträge für Billiglohnkräfte zu erhalten. Des Weiteren berichtet das Magazin, dass die Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen Bestechung und Steuerhinterziehung gegen einen weiteren ehemaligen Tönnies-Subunternehmer, einen in Litauen lebenden deutschen Geschäftsmann ermittelt."
Text unter „Creative Commons Attribution/Share Alike
Der ganze Bericht hier:
Die Tiere der anderen beiden Metzgereien werden von den Inhabern noch selbst geschlachtet, und zwar im Schlachthof Bayer in Niederwallmenach, dem einzigen verbliebenen Schlachthof (privat geführt!) in den Regionen Rhein-Lahn, Rheingau-Taunus, Westerwald und Limburg bis einschließlich des Rhein-Main-Gebietes. Das heißt, der Metzger sucht die Tiere selbst beim Bauern aus, bringt sie am Vortag zum Schlachhof, damit sie sich vom Transport wieder erholen können und schlachtet sie Montagmorgens selbst. Wenn dann mittwochs im Geschäft kein Schnitzel mehr zu haben ist, ist es eben aus. Da wird nicht zugekauft. Weg ist weg, kauf halt ein Kotelett oder warte bis nächste Woche.
So geht es mit dem Rindfleisch genauso. Tiere aus offener Weidehaltung, gut mamoriertes Fleisch, 6 Wochen abgehangene Steaks, Fett dran, so muss das sein.
Damit macht Kochen Spaß!
Wild gibt´s auch. Die Metzgerei Walz hat unter ihren Verkaufskräften eine Jägerin. Und so sitze ich auch für Wildschein oder Reh an einer nie versiegenden Quelle.
Beim Lamm mache ich manchmal Ausnahmen. Nirgendwo bekomme ich so tolles Lammfleisch wie bei meinem türkischen Metzger. Allerdings stammt dies in der Hauptsache aus Holland. Die Schafe weiden an der See, sind die natürlichen Rasenmäher der Deiche, trampeln gleichzeitig den Boden immer wieder schön fest und liefern, ähnlich wie die deutschen Salzwiesenlämmer wunderbar aromatisches Fleisch. Da Schafe nicht intensiv gehalten werden, ist mir das immer noch tausendmal lieber als das neuseeländische Lammfleisch, das erst rund 18.000!, in Worten: ACHTZEHNTAUSEND Kilometer zurücklegen muss, um auf unseren Tellern zu landen.
Brot, Butter, Milch und Fisch
Inkonsequent.
Butter kaufe ich wenn möglich als Fassbutter auf dem Markt. Wenn ich es aber nicht auf den Markt schaffe, greife ich auf herkömmliche Ware zurück. Für gute
Milch habe ich keine Quelle. Allerdings verbrauchen wir so wenig, dass die Notwendigkeit nicht so drückt und eine Fahrt nach Mainz zum Biomarkt, die hin- und zurück ca. 30 km auf den Zähler bringt, sich für den Liter Milch in der Woche nicht lohnt. Also Supermarktware. Zähneknirschend.
Da ich häufig in der Metro bin, kaufe ich dort meistens auch den
Fisch. Es gibt dort keine oder nur sehr selten Bioware im Angebot. Allerdings verzichte ich möglichst auf den Kauf von bedrohten Arten (das war auch
schon anders, aber ich lerne jeden Tag dazu).
Das
Brot, bzw. der Umgang mit diesem ist mir eine Herzensangelegenheit und sie passt vortrefflich zum aktuellen Film "taste the waste". Ich habe ihn noch nicht gesehen und weiß daher nicht, ob das Retourenmangement der Bäckereien dort eine Rolle spielt. Für mich tut es das und ich gebe zu, bevor ich nicht selbst in dieser Branche gearbeitet habe, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht.
Der Verbraucher verlangt stete Verfügbarkeit eines großen, teilweise nicht mehr überschaubaren Sortimentes. Das führt zu Tonnen von weggeschmissenen Lebensmitteln, die ständig über Bedarf produziert werden. Du kannst Dich natürlich mal nachts an die Container eines Supermarktes schleichen und über die Mengen an weggeschmissenen Lebensmitteln jammern. Du kannst aber auch abends an das Regal des Bäckers im Vorkassenbereich Deines Lieblingssupermarktes treten, Dir die Auswahl ansehen und dann hochrechnen, wer die zur Verfügung stehende Ware bis Geschäftsschluss noch kaufen soll, bzw. wird. Wirtschaftlich arbeitende Bäckereien haben feste Quoten für die Ware, die weggeschmissen wird. Diese Quoten, die sogenannten Retouren, schwanken zwischen 8 und über 20 % pro Filiale. Ich weiß das so genau, weil ich für diese Quoten verantwortlich war. Je nach Standort wird also im vollen Bewusstsein der geistigen Kräfte, sowie betriebswirtschaftlichen Rechnens das weggeschmissene Lebensmittel im Voraus kalkuliert. Aufgeschlüsselt auf einzelne Warengruppen, weiter gedröselt bis hin zu den Prozenten von Körner- oder Mischbroten wird vorgegeben, wieviel Prozent des Tagesumsatzes im Müll landen
müssen.
Natürlich kann man nicht bis auf das letzte Brot oder Brötchen planen, wieviel abends noch in der Ladentheke sein wird. Aber eine Retoure von ca. 3 % liegt absolut im Bereich des Möglichen und Machbaren, wenn man eine "fitte" Filialleiterin hat, die das Warenmanagement beherrscht, ihre Kundschaft kennt und einigermaßen weiß, was wann wieviel in ihrem Geschäft verkauft wird.
Das ist aber nicht gewollt. Gewollt ist immer mehr. Mehr Auswahl, mehr Kunden, mehr Umsatz, mehr Gewinn. Ach ja, manchmal ist auch weniger gewollt. Weniger Lohnkosten z. B. Das führt dann dazu, dass Du eben KEINE fitte Filialleiterin mehr hast, die kannst Du nämlich nicht mehr bezahlen, wenn von der Unternehmensleitung die Vorschrift kommt, keine gelernten Kräfte mehr einstellen zu dürfen. Aber das nur so am Rande.
Und so werden dann abends landesweit Tonnen von "Müll" produziert, die absolut zu vermeiden wären. Wegschmeißen müssen das nach Ladenschluss Mitarbeiterinnen (in der Regel sind es Frauen), die teilweise zu Stundenlöhnen von € 6,00 brutto arbeiten, davon allein erziehend sich und ihre Kinder ernähren, und gerne ein Stück davon mit nach Hause nehmen würden. Aber aus Angst, die Mitarbeiter könnten bewusst noch höhere Retouren verursachen, damit zwingend etwas für sie über bleibt, dürfen sie natürlich keinen Krümel davon haben. Mein persönlicher Vorstoß, wenigstens samstags den übrig gebliebenen Kuchen, der montags nicht mehr verkauft wird, an die Mitarbeiterinnen zu verschenken zog viele Warnungen meiner Kollegen und Vorgesetzten mit sich, meine Mitarbeiterinnen würden mich "linken" wollen und ich würde das ergebnisbereinigt noch bereuen. Auch "Gutes vom Vortag zum halben Preis" oder Ähnliches ist nicht erwünscht. Die Angst vor dem Kunden, der dann nur noch das "ja noch Gute vom Vortag" kauft und somit weniger Umsatz macht, ist zu groß. Genauso die Überlegung, ab z. B. 20.00 Uhr Teile des Sortimentes preisreduziert zu verkaufen. Immerhin haben die meisten Supermärkte mittlerweile bis 22.00 h geöffnet, manche sogar noch länger. Da könnte man dann doch... Fehlanzeige. Auch nicht gewünscht. Hier ist die Angst zu groß, die Kunden könnten gezielt nur noch nach 20.00 einkaufen, was Umsatzverlust zur Folge hätte. Lieber wegschmeißen lautet das Gebot der Stunde!
Und wenn abends um 20.00 h das vorgegebene Sortiment nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht, können die Supermärkte die Pächter abmahnen, was bis zur Kündigung der Pachtverträge führen kann. Der nächste Bäcker steht schon bereit, glaub mir. Dazu kommt, das teilweise die Bezirksleiter der Supermärkte an den Erträgen der Pächter im Vorkassenbereich über Prämien beteiligt sind. D. h., der Druck kommt von vielen Seiten.
In Hochglanz-Unternehmensbroschüren wird darauf hingewiesen, dass die übrig gebliebenen Produkte den Tafeln zur Verfügung gestellt werden. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Die langen Containerreihen, in die die Lkws in großem Stil die Backwaren entsorgen, stehen gleich hinter den Produktionsgebäuden. Von dort geht alles maximal noch in die Futtermittelindustrie. Oder es wird verbrannt und mit ein bisschen Glück noch Wärmeenergie daraus erzeugt.
Was also tun?
Eines gleich vorweg – habe keine Lösung für das große Ganze. Wenn ich mir vorstelle, alle würden von heute auf morgen ihre Einkäufe in den Supermärkten, Großbäckereien und bei konventionellen Metzgern einstellen – nicht auszudenken! Unzählige Menschen würden ihre Jobs verlieren. Nicht nur in den Betrieben selbst, auch die Zulieferer müssten so viel Federn lassen, dass sie am Ende nackt und ohne einen Pfennig da stünden.
Und doch und trotzdem. Da oben genanntes Szenario nicht zu befürchten steht und alle Umwandlung langsam und von unten nach oben vor sich gehen sollte, mein Aufruf an Dich:
Denke nach! Immer! Überlege, wo Du einkaufst. Überlege, wer es Dir so perfekt produziert hat. Reflektiere die Produktionsbedingunen. Überlege, wieviel der Mensch als Lohn erhalten kann, für ein Produkt das immer zum unschlagbar günstigsten Preis angeboten wird. Überlege Dir, wo es her kommt. Vom Ende der Welt? Schau nach, ob Du es in Deiner Nähe bekommst. Warte auf die richtig Jahreszeit. Lass den Apfel mal wieder schrumpelig sein, die Banane etwas kleiner und die Gurke krum. Nichts und niemand auf dieser Welt sollte perfekt sein müssen. Nicht Du, nicht Dein Nachbar und auch nicht Deine Lebensmittel. Konsumiere weniger, aber das in vollem Bewusstsein, wem Du Dein Geld gibst. Auch und gerade wenn Du nur wenig davon hast. Kein Geld haben ist Scheiße. Ich weiß das, weil ich es schon erlebt habe. Und ich weiß auch, wie sehr dann die Produktionsbedingungen in den Hintergrund treten. Billig muss es sein, sonst kommt man nicht über den Monat. Aber versuche ein Umdenken in kleinen Schritten, das geht.
Und ich fordere alle Gutmenschen mit gesichertem Einkommen dazu auf, bei einen Teil ihrer unverholen vorgetragenen Arroganz, mit der sie auf der Suche sind nach der besten Trüffel, der Salzbutter mit dem schönsten Kristall und der von Jungfrauenhänden zusammengestellten Gewürzmischung, nicht zu vergessen, dass dieses Verhalten für viele andere jenseits der persönlichen Vorstellungskraft liegt.
Und am Ende: Sei respektvoll. Mit den Menschen, die mit ihrer Hände Arbeit produzieren, was Du essen möchtest, oder was Du am Körper trägst. Mit dem Tier, das zu keinem anderen Zweck am Leben ist, als Dir zur Nahrung zu dienen. Und sei respektvoll mit Dir selbst.
Meine persönlichen Quellen für gute Lebensmittel:
Obst und Gemüse aus Eigenanbau und von Erzeugern der Umgebung:
Gottschalk Obst
Binger Straße 53
55218 Ingelheim
Brot
Bäckerei Horstmann
Mainzer Straße 5
55218 Ingelheim
Hühner, Eier, Gänse
Daniel´s Hühnerhof
Zum Schloßgrund 3
55444 Seibersbach
Enten, Perlhühner, Wachteln
Freiland-Geflügelhof Staubach
36148 Kalbach/Rhön
Samstags auf dem Wiesbadener Wochenmarkt
Guter Käse und tolle Butter (auf den Wochenmärkten in der Umgebung vertreten)
Käse Widmann
Sandwiesenstraße 8
71334 Waiblingen
Fleisch
Metzgerei Walz (mit 2 Filialen und Verkaufswagen für Märkte und Nahversorgung auf dem Land)
Schönbergstraße 2
55120 Mainz
Metzgerei Harth
Lotharstraße 5
55116 Mainz + Ladengeschäft in Stadecken-Elsheim
Metzgerei Stephan (mit Fleisch der Erzeugergemeinschaft Schwäbisch-Hall)
Rinderbachstraße 7
55218 Ingelheim
Biowein und hausgemachte Marmeladen
Weingut Huf
Mainzer Straße 38
55218 Ingelheim am Rhein
Öle, Essige, Gewürze aus aller Welt, feine Weine
Gewürz Müller
Mühlgasse 9
65183 Wiesbaden
Rheingauer Wein-Café
Sonnenberger Straße 56
65193 Wiesbaden
Feine Schokoladen
Xocoatl
Grabenstraße 24
65183 Wiesbaden
Noch eine weitere ganz persönliche Aufregung von mir zum Thema Fleischerzeugung:
KLICK
Update am 12.09.11
Ein toller weiterführender Artikel, den ich an dieser Stelle gerne verlinke:
http://pagewizz.com/geld-sparen-durch-weniger-abfall-bei-lebensmitteln/