Völlig daneben gegangen!


Das kann passieren. Ärgerlich ist´s wenn dabei eine feine mecklenburgische Lammkeule draufgeht, sowie eine Flasche Amarone in der selbige Keule schmort. Richtig mistig wird die Angelegenheit dadurch, dass Ostern ist, Du Gäste hast und auch nicht viel anderes in der Hinterhand. Wer hätte auch damit gerechnet, dass Du hingehst und die ganze Nummer völlig versalzt. Aber- immer das Beste daraus machen, es gibt ja noch den Amarone zum Trinken, der seit mittags vor sich hinatmet, das Fleisch kann man essen, wenn der erste halbe Zentimeter außen rum abgeschnitten wird und die Beilage- ich schwöre Dir, die Beilage war so dermaßen der Hammer, es wäre völlig ungerecht, sie in diesem “Was alles schiefgehen kann”-Post zu verwursten, sie bekommt ihren großen Auftritt bei der Wiederholung demnächst in diesem Theater.
Ob ich es schlimmer finde, mich über andere oder mich selbst zu ärgern? Ehrlich, darüber denke ich seit geraumer Zeit nach, zu einer Antwort bin ich noch nicht gekommen. Über andere ärgere ich mich mehr nach außen, über mich selbst mehr nach innen hinein. Geht Dir das auch so? Und je größer die Erwartung, desto größer der eintretende Ärger bei Enttäuschung, oder? Besonders geärgert in der letzten Zeit – rein küchentechnisch – habe ich mich über Marcella Hazan. Womit ich wieder bei den Erwartungen bin. Schließlich sind ihre Rezepte eigentlich eine sichere Bank. (Wobei man über diesen Begriff in der letzten Zeit vielleicht auch nochmal nachdenken sollte). Egal ob ihre Pastasaucen oder das legendäre, hier unter dem Titel “Hohlraumversiegelung” nachgekochte  Zitronenhuhn, ich kenne wirklich niemanden, der nicht auf ihre Gerichte schwört. Bis auf das folgende Rezept, von dem ich jedem von ganzem Herzen abraten kann. Es stammt aus dem Buch “Marcellas Geheimnisse”, vor einigen Monaten von mir in der Wohltat’schen Buchhandlung in Mainz für € 7,99 oder so erworben. Ein dicker Wälzer mit 400 Seiten, auf der 254. dann das

Hühnerfrikassee nach Asti-Art mit Pancetta, Paprikaschoten, Kräutern und Sardellen | Pollo in Fricassea all’Astigiana con la Pancetta, i Peperoni, gli Odori e l’Acciuga
  • Ein etwa 1,5 kg schweres Huhn
  • 1 EL Pflanzenöl
  • 2 EL Butter
  • eine einzelne, knapp 3 cm dicke Scheibe Pancetta; etwa 100 g, in dünne Streifen geschnitten
  • 2 lange Zweige glatte Petersilie und 2 Zweige frischer Rosmarin, zusammengebunden
  • feines Meersalz
  • frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
  • 125 ml milder trockener Weißwein
  • 4 fleischige Paprikaschoten, 2 rote und 2 gelbe
  • 3 oder 4 Knoblauchzehen, geschält und gehackt
  • 4 Sardellenfilets, sehr fein gehackt
  • etwa 50 ml Rotweinessig
  • eine vorgewärmte Servierplatte
Es war alles da, inklusive der vorgewärmten Servierplatte, die ist schließlich Standard. Die einzige Abweichung war die Petersilie, von der Marcella ausdrücklich verlangt, es solle italienische sein. Meine kam aus Rheinhessen. Ob´s daran lag? Wer möchte, bekommt von mir auch gerne die Zubereitungsanleitung, die sich im Wesentlichen aber darauf beschränkt,  das Huhn in 12 Stücke zu teilen, das gesamte Fett zu erhitzen, also zuerst das Öl und da hinein dann die Butter und in diese den Pacetta, dahinein die Kräuter und in diese Fettmengen dann das Huhn zu geben.

Spätestens hier hätte ich aufwachen müssen. Es handelte sich keinesfalls mehr um Anbraten, sondern um Frittieren. Auch hat mir überhaupt nicht gepasst, dass die Haut am Fleisch bleiben sollte. Wenn diese durch’s Schmoren eh nur zum labbrigen Fettträger wird, entferne ich sie lieber vor dem Anbraten. Öl, Butter, Pancetta und Hühnerhaut taten jedenfalls das ihrige, um mir das Gefühl zu geben, ich befände mich mit meinem Huhn an einer Pommesbudenfritteuse. Hier- nicht damit Du denkst, ich übertreibe!

Nachdem ich dieses mal sogar die Paprika gegrillt und anschließend enthäutet habe (wie bei der Paprikasuppe mit Rucola-Ricottanocken beschrieben spare ich mir das normalerweise) sollten laut Rezept die sehr klein geschnittenen Sardellen mit dem gehackten Knoblauch sowie dem Essig vermengt werden, um dann gemeinsam mit den in Streifen geschnittenen Paprikaschoten im Bratensud zu landen. Was im Rezept wirklich fehlt (von mir aber gemacht wurde) war der Hinweis, die Sardellen eventuell zu wässern. Es gibt sehr mild eingelegte, von denen ich ohne Probleme einige mit einer feinen Kalbshaxe über Stunden schmoren lasse, aber es gibt auch die hinterhältigen kleinen Salzmörderinnen, denen Du ohne entsprechenden Wasservorrat nicht begegnen möchtest. Am Ende hast Du unglaubliche Salz-, Fett- und Essigmengen in einem Topf zu einem Gericht vereint, in dem nichts zum anderen passt. Bei uns gab es dazu Bandnudeln in rauen Mengen. Es war nicht so, dass es nicht zu genießen gewesen wäre, aber schade um das Huhn, alle anderen Zutaten und um die Zeit war es allemal.

Bilder auch? Na gut.
Nichtsdestotrotz reiche ich das Rezept bei foodfreaks Dauerevent “DKduW” ein, allerdings mit einer “nicht Nachkochen”-Empfehlung ausgestattet.
Vielleicht lag´s ja wirklich nur an der Petersilie?
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Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. wer ist denn Marcela Hazan? Scheint eine typisch dt-schweizer Angelegenheit zu sein? Lieber aus dem Ducasse Bistrobuch kochen!

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  2. Also: falls Du jemanden kennenlernen willst, der nicht nach Frau Hazan kocht, weil er sie nicht kennt, bringe ich zur nächsten Küchenparty meinen Vater mit. ;)
    (Nein. Tue ich nicht. Weil er gar nicht mitkommen würde. Obwohl er sicher auch seinen Spaß daran hätte.)

    8 Euro für 400 Seiten Kochbuch? Wow!

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  3. Marcella Hazan - ich liebe sie sehr, aber eigentlich nur die zwei "Grundkochbücher", "Die klassische, italienische Küche" und den Nachfolger.

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  4. @Bolli:
    eher so deutsch-italienisch. ;)
    Von Ducasse habe ich nur die "großen", nach dem Bistrobuch werde ich mal schauen, danke für den Tip.

    @Hesting:
    Das Buch war vorher mal teurer. Die "Wohltat´sche" ist eine Buchhandlung überwiegend für Remittenden.

    @Nathalie:
    Genau das sind die Bücher, wo auch nie was schief geht. :)
    Ich dachte, bei dem Preis kann ich nichts verkehrt machen...

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  5. ich kannte die Rezepte von ihr auch eher mit geling Garantie :-) so ein armes Huhn...

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  6. Mit der Haut gebe ich dir recht! Ansonsten finde ich die Fettmenge gar nicht sooooo wild. 3 Esslöffel nur, datt geht bei mir als Nulldiät durch...

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  7. Marcella Hazan ist Italienerin, gelernte Biologin und wanderte kurz nach Ihrer Hochzeit in die USA aus, und da lernte sie erst kochen, nach einer frühen Ausgabe von Ada Bonis "Talismano della felicita". - so schreibt sie selber in der Einführung ihres Buches " Neue Rezepte aus der klassischen italienischen Küche"

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  8. Astrid - sei nicht so zerknautscht. Sowas kann jedem mal passieren;
    Du hast trotzdem das Beste daraus gemacht.
    Wir hatten Kalbsschnitzel von der Landmetzgerei und da floss beim Braten das Wasser nur so raus.
    So landeten wir bei einer frischen Tomatensauce mit Liebstöckel und Schnittlauch aus der Sonne...

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  9. Seit einiger Zeit versuche ich mich quasi in "budhistischer" Gelassenheit, man kann es eh nicht ändern und am Ende saust der Ärger nur im eigenen Kopf herum. Warnungen jeder Art werden natürlich trotzdem gern und jederzeit angenommen.
    Also Kopf hoch!

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  10. @Gourmetbüdchen:
    "ich wollt, ich wär kein Huhn"...
    *träller*

    @Claus:
    Du hast den Pancetta vergessen! Den in Öl und Butter auszulassen erfordert schon einen sehr sorglosen Umgang mit Fetten aller Art.

    @Pimiento:
    Genau. Das ändert aber hier gar nichts. ;)

    @lautleise:
    bin nicht zerknautscht. Aber ich finde es wichtig, auch mal zu (be)schreiben, wenn etwas nicht so gut war. Die foodblogs laufen ja förmlich über vor Sensationsmeldungen von tollen Gerichten. ;)



    @Andreas:
    Ich mache so viel Yoga, da wirft mich so´n blödes Rezept nicht aus der Bahn. Schließlich heißt es nicht umsonst, "Arthurs Tochter, Dein Name sei Gelassenheit". :)

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  11. Beachtlich, dass selbst deine verärgerten Blogpost immer noch witzig klingen. Ungefähr so wie auch das verkorkste Huhn noch passabel geschmeckt hat... Wenigstens für eine Analogie ist es gut.

    Ich ärgere mich übrigens wie Du auch von innen nach innen und außen nach außen...

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Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

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