Tom Ripley, Madame Annette und die Kalbsrouladen [Literaturkochen]


Kaum ein Schurke in der Literatur ist mir näher als Tom Ripley. Vom ungelenken Nichtsnutz zum eloquenten selbstverlieben Mörder - ein langer Weg, der sich über fünf meiner Lieblingsromane von Patrica Highsmith erstreckt. Schon im zweiten Band, in "Ripley Under Ground" hat er sich vornehm zurückgezogen in das (fiktive?) Örtchen Villeperce, ganz in der Nähe von Fontainebleau, dem Hauptort des gleichnamigen Arrondisements, ca. 60 km entfernt von Paris und zeitweiliger Wohnort der Autorin.

Sein Haus, "Belle Ombre", liegt etwas außerhalb an der wenig befahrenen Straße nach Villeperce, hat zwei abgerundete Ecken, Erkerfenster, 2 Etagen und ein großzügiges Grundstück mit einem gepflegten Garten, den Henri, Hüne und Aushilfsgärtner, gemeinsam mit dem Herrn des Hauses in Schuß hält. Die besondere Vorliebe Toms gilt dabei seinen Dahlien, das ist eine unserer Gemeinsamkeiten.
Eine andere ist die Liebe zum Heim, der Stolz auf das Schöne, das er sich gemeisam mit seiner Frau Heloise geschaffen hat. Dazu gehört die Freude an gutem Essen und allzeit ein guter Tropfen im Haus. Tom hat im Gegensatz zu mir einen Weinkeller, ich nur ein kleines Räumchen, aber dafür gibt es bei mir keine Blutflecken auf dem Boden, die vom Schlag auf eines anderen Kopfes mit einer Flasche Merlot herrühren.
Für die Ordnung im Haus und das leckere Essen sorgt Madame Annette, die gute Seele der Ripleys. Sie wohnt mit im Haus, hat einen freien Tag in der Woche und widmet sich sonst ganz dem Wohlbefinden ihrer Herrschaften. Und sie kocht! In jedem der Bücher erwähnt Patrica Highsmith die Hingabe der guten Madame an vorzügliche Zutaten und deren Zubereitung. Aktuell lese ich zum wiederholten Male Band 5 und schon auf Seite 36 gibt es das erste Essen.

Da kam mir der Gedanke, mich den Gerichten in Romanen zu widmen. Gerade denen, die nur beiläufig erwähnt werden ohne genauere Angaben der Zubereitung. Leider habe ich in den Ripley Romanen diese Idee nun erst in Band 5 gehabt, also wird es keine chronologische Angelegenheit, aber das muss es ja auch nicht. In Zukunft werde ich also in loser Reihenfolge Gerichte aus der Literatur nachkochen - wobei ich mir  und unseren Nachbarn wohl das "Am-Stück-Wildschweingrillen" der Gallier ersparen werde und beginne mit:

"Ripley Under Water"
Patricia Highsmith
Roman, erschienen im Diogenesverlag,
Leinen mit Umschlag, Seite 36
Er sah noch einmal zu der halboffenen Terrassentür und ging dann doch daran vorbei in Madame Annettes Reich, die Küche in der linken vorderen Ecke des Hauses. Der Duft einer komplizierten Gemüsesuppe stieg ihm in die Nase.Madame Annette stand in einem blauweiß getüpfelten Kleid und dunkelbauer Schürze am Herd und rührte in einem Topf."Guten Abend, Madame.""M´sieur Tome! Bonsoir.""Und was gibt es heute abend als Hauptgericht?""Oiseuax de veau - aber keine großen, weil es so ein warmer Abend ist, hat Madame gesagt."
 Das wurde bei mir daraus:
 
Kleine Kalbsrouladen, innen bestrichen mit mildem Rieslingsenf, gefüllt mit einer Scheibe feinem rohen Schinken, Lauchzwiebeln und Pfifferlingen.
Angebraten in Butter, eine viertel Knolle Knoblauch dazu, sowie ein paar Zweige Thymian.
Flambiert mit Cognac, abgelöscht mit Wein und aufgegossen mit dem entfetteten Geflügelfond, den ich hierbei gewonnen habe. Dann schmoren sie ca. 30 Minuten.
Währenddessen schwenke ich Kräuterseitlinge und Pfifferlinge in einer extra Pfanne in Butter sanft an. Die Rouladen wandern kurz in den Ofen zum Nachziehen, in der Zeit siebe ich den Bratensaft,  reduziere ihn zur Sauce, verfeinere  mit Sahne und montiere eiskalte Butter zum Binden hinein. Die Pilze aus der Pfanne gebe ich mit hinzu und serviere mit sautiertem Spitzkohl.Diesem habe ich eine Prise Natron beigegeben, damit er seine schöne Farbe behält, so konnte ich mir das Blanchieren sparen.
Print Friendly Version of this page Print Get a PDF version of this webpage PDF

Arthurs Tochter

Kommentare :

  1. Mhh, Kalbsvögerl a la Ripley! Der talentierte Mr. Ripley ist ein sympathischer Mörder mit kultiviertem Geschmack. Lang ist es her, dass ich Patricia Highsmiths Romane (alle!) verschlungen habe. Da sollte ich mir mal eine Wiederholung gönnen. Bin schon auf die folgenden Rezepte gespannt.

    AntwortenLöschen
  2. ich wusste gar nicht, dass es eine Fortsetzung von Mr. Ripley gab!

    Na ja, ich bevorzuge aber Italien als Fontainebleau!

    AntwortenLöschen
  3. Insgesamt gibt es 5 Bände:
    Der talentiert Mr. Ripley (1955)
    Ripley underground (1972)
    Ripley´s Game (1974)
    Der Junge, der Ripley folgte (1980)
    und dann endlich 1991 Ripley under water. Leider ist P. H. 1995 gestorben, so dass es keine weiteren Ripley Bücher geben wird. Jedenfalls nicht von ihr, Margaret Mitchell hätte sich das sicher auch nicht träumen lassen...

    Sehr gefallen hat mir von P. H. auch "Elsies Lebenslust".

    AntwortenLöschen
  4. Danke für diesen Tipp. In unserer kleinen Ortsbücherei gibt es einige Bände von P.H. Ich hatte sie schon öfters in den Händen, aber immer wieder zurückgestellt. Das wird sich jetzt ändern. "Elsies Lebenslust" steht auch bei mir im Bücherregal. Das hat mir auch sehr gut gefallen.

    AntwortenLöschen
  5. gute Idee, Commissario Brunetti von Donna Leon isst auch so gerne.

    AntwortenLöschen
  6. Was für eine schöne Idee mit den Büchern und dem Essen :-) Patricia Highsmiths Romane habe ich auch vor langer Zeit verschlungen. Wäre auch für mich mal wieder Zeit. Ich habe die Patricia Highsmith mal auf der Damentoilette "kennengelernt". Das war im Bayreuther Festspielhaus und sie war dort auch als Gast. Sie suchte ein Restaurant für das Abendessen und fragte mich, wo man in BT gut hingehen kann. War lustig mit ihr.

    AntwortenLöschen
  7. Isi, wie aufregend! Mit dieser Dame hätte ich mich auch zugerne mal unterhalten! Dafür habe ich mal einen Abend mit Roger Chapman und seiner Band Billard gespielt. Das war auch aufregend, insgesamt aber sicher etwas "dreckiger" und rock´n rolliger als ein gepflegtes Gespräch mit Mrs. Highsmith auf der Damentoilette des Bayreuther Festspielhauses! *smile*

    AntwortenLöschen
  8. @Lamiacucina, Comissario Brunetti mag ich nicht so gerne, ich habe vor Jahren mal ein oder zwei Bücher gelesen, als dieser Hype losging. Insgesamt waren sie mir zu dröge. Vielleicht auch, weil mir die Verfilmungen sehr langweilig waren habe ich auch nie mehr ein Buch von Donna Leon in die Hand genommen. Ein Fehler vielleicht?

    Aber wer noch lukullische Buchtips für mich hat - immer her damit!

    @Linda, ich bin gespannt wenn Du mal von Mr. Ripley berichtest...

    AntwortenLöschen
  9. Oh,Isi,
    Ms. Highsmith haette ich auch gerne mal getroffen - wie stilvoll, die Toilette im Festspielhaus!
    Was war das denn fuer ein PH-Roman mit dem Schneckenzuechter, weiss das wer?
    Commissario Brunetti ist so droege (schoenes Wort) wie sich eine Amerikanerin halt einen italienischen Kommissar imaginiert. In Italien wurde glaub ich kein einziges Buch ein Erfolg. Wenn das ganze dann noch mit deutschen Schauspielern verfilmt wird, ist das Ergebnis doppelt droege. Montalban ist auch ein Kommissar, der gerne kocht.

    AntwortenLöschen
  10. Wie schön, dass man auch Bücher verschlingen kann ;) Ich hoffe, die Rouladen wurden nicht verschlungen, sondern genossen. Sie sehen sehr lecker aus.

    Seltsam, ich hab gar kein "Ess-Buch", an das ich mich spontan erinnere. Höchstens "Das große Lager", ein Buch aus meiner Kinderzeit, wo eine Horde Jungs im Ferienlager versuchen, Muscheln mit Pommes zu kochen.

    Und wo ich das gerade noch mal nachlese, finde ich die wunderbare Passage "Übrigens kann man Pommes frites in Belgien überall auf der Straße kaufen [...] dann futtert man sie stückchenweise mit den Fingern aus der Tüte. Wenn ich in Düsseldorf auf der Königsallee freihändig heiße Kartoffeln verzehrte, gäbe das eine Menge erstaunter Blicke."

    Tempora mutantur...

    Grüße!
    Martin

    AntwortenLöschen
  11. Eline, eine Geschichte mit Schneckenzüchter ist mir nicht bekannt von ihr, sie hat aber 1975 einen Erzählband mit dem Titel "Kleine Mordgeschichten für Tierfreunde" veröffentlicht und auf dem Hörbuch "Unwiderstehlich - böse Frauen..." gibt es wohl eine Geschichte von einem Schneckenzüchter, dessen Lieblinge sich unerwartet reich vermehren. Auf diesem Hörbuch ist P. H. auch vertreten, ich weiß aber nicht, ob diese Geschichte von ihr ist, habe nur mal bei amazon gestöbert...

    AntwortenLöschen
  12. Weg vom Buch, hin zum Essen, aus wunderbaren Zutaten wurde ein PHANTASTISCHES Gericht!

    AntwortenLöschen
  13. Ich schließe mich Hannes an. Wenn gutes Essen auf dem Tisch steht, sollte man sein Buch weglegen. ;-)

    AntwortenLöschen
  14. Patricia Highsmith... sowie Agatha Christie und viele andere britischen Krimis habe ich vor langer Zeit alle verschlungen.. auf der Couch liegend oder Zug fahrend...
    Eine schöne Verbindung hast Du da hergestellt und was für ein köstliches Gericht... sieht fein und saftig aus

    AntwortenLöschen
  15. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich erst seit sehr kurzer Zeit auch Krimis lese. Sie galten für mich früher als Trivialliteratur, die mich bislang gar nicht so interessierte, was natürlich so nicht stimmt, denn inzeischen habe ich einige sehr gute Krimis nachgeholt. Deine Tom Ripley allerdings kenne ich nicht, die Kalbsvögerl würde ich aber trotzdem essen, vielleicht sogar einen Mord begehen? Nein, das nicht ;-)

    AntwortenLöschen
  16. Ellja, das ging mir ganz viele Jahre auch so mit den Krimis. Eine Freundin hat mich dann drauf gebracht, dass es spannend UND anspruchsvoll geht - ich glaube begonnen habe ich mit Minette Walters und Elisabeth George. Aber wie Meatloaf seit gefühlten 30 Jahren immer das gleiche Lied singt, schreiben die Damen seit Jahren immer das gleiche Buch. Zur Zeit mag ich Fred Vargas gerne.

    Die Tom Ripley Romane habe ich das erste mal mit 20 Jahren gelesen, es sind eigentlich mehr Psychogramme als Kriminalromane, die Morde immer ein völlig logischer unausweichlicher Schritt in der Handlung und nie das wirkliche Thema, sie geschehen fast beiläufig.

    AntwortenLöschen
  17. Fred schreibt leider auch seit Jahren das gleiche Buch, hab alle gelesen, die letzten waren schon sehr redundant. Kennst du Kate Atkinson, eine schottische Krimiautorin? Die finde ich sehr gut, wahrscheinlich werden sisch die Inhalte auch mal immer mehr gleichen, aber sie schreibt noch nícht so lange ;-)

    AntwortenLöschen
  18. Nein, Eline, Kate Atkinson kenne ich nicht, ich schau aber gleich mal bei amazon nach. Ich habe seinerzeit auch die ganzen Wallander-Krimis gelesen (waren die in Österreich auch so erfolgreich?), da habe ich bei jedem Buch abgenervt geschimpft auf diesen Komissar, der ständig an sich und seinem Land ausufernd leidet, aber gekauft habe ich sie mir doch immer wieder - bis auf die letzten, in denen dann seine Tochter anfing zu ermitteln, da hat es mir gereicht. Aber einige der Bücher sind schon großartig. Mo Hayder habe ich auch gelesen, aber das ist schon ziemlich harter Stoff... Bei Vargas bin ich noch Anfänger, bin gespannt, wie mir die weiteren gefallen - heute blogge ich auch wieder einen Buchtip, aber diesmal etwas Lustiges...

    AntwortenLöschen
  19. Krimis sind meine Leidenschaft und ich habe ziemlich viele Autoren gelesen. Ruth Rendell, Minette Waters, Aghata Christie, Elisabeth George und die ganzen skandinavischen Autoren wie Mankell, Edwardson, Nesser, Karin Fossum usw. habe ich verschlungen. Ich kann die Erfahrungen bestätigen, nach mehreren Bänden eines Autors, hat man das Gefühl immer das gleiche zu lesen. In meiner kleinen Ortsbücherei gibt es allerdings ganz viele Krimis von weniger bekannten Autoren, die mich wirklich total gefesselt haben (z.B. Peter James "Nicht tot genug" oder Giles Blunt "Eisiges Herz", Tess Gerritsen "Verstummt").
    In Patricia Cornwells Krimis steht eine Gerichtspathologin im Mitterpunkt. Kay Scarpetta kocht auh gerne. Es gibt sogar einen Band
    "Kay Scarpetta tischt auf", den habe ich allerdings nicht gelesen.

    AntwortenLöschen
  20. Wallander? Hab ich nur 2 gelesen, das hat gereicht. und alle aehnlichen skandinavischen depressiven, alkoholkranken Kommissare sind mir zu klischeehaft.
    Aber wenn wir hier ueber Krimiautoren anfangen, sprengen meine Kommentare deinen Blog, weil ich nicht mehr aufhoere....

    AntwortenLöschen
  21. Ich habe gerade den ersten Roman von Stieg Larsson gelesen, weil das gut zu meinem Schweden-Urlaub gepasst hat. Ich hatte schon gehört, dass er ein Knaller gewesen sein soll, aber dass er mich wirklich so fesseln konnte, war wieder mal eine schöne Überraschung. Von Wallander habe ich 2 gelesen, auch mir haben die beiden ganz gut gefallen, aber das war es dann auch. Simon Beckett, der ja zur Zeit soooo gelobt wird, war mäßig, Kalte Asche fand ich sehr schwach.

    AntwortenLöschen
  22. Zu schade, dass Sie in Ihren Ausführungen seine Amoral und seine Gleichgültigkeit beim töten anderer Menschen vergessen.

    Ich persönlich habe auch immer die "gewöhnlichen" kulinarischen Passagen in den Romanen um Dr. Lecter genossen

    AntwortenLöschen
  23. Wer ist "anonym"?
    Ein Name wäre schön und höflich. :)

    AntwortenLöschen
  24. Stieg Larsson habe ich in die Ecke gepfeffert - da kann ich auch gleich nen Ikea Katalog lesen. Diese dreiste Werbung fand ich unverschämt.

    Kay Scarpetta kochte mal Chicken Jalfrezy, habe ich sofort ausprobiert. Lecker.

    Dann gibt's noch ne Detektiv-Köchin, Goldy Bear, die eine mexikanische Pizza buk. Ich machte sie nach und mein Sohn spricht heute noch davon.

    Mr. Ripley ist mir äußerst unsympathisch, was mich nicht davon abhält, Patricia Highsmith genial zu finden. Bin morgen in der Bücherei und werde mal schauen, was es dort noch an Ripleys gibt. Ich kenne nur den talentierten.

    Abi Wallenstein singt ein Lied, das mein Ex-Lebensgefährte getextet hat und das von mir handelt - "Gimme more" - versteh ich nicht, doofes Lied :-)

    AntwortenLöschen

Danke für Deinen Kommentar, der schnell freigeschaltet wird, so er höflich und respektvoll ist und nicht anonym abgegeben wurde. Mein Blog ist kein Diskussionsforum für anonyme Netz-Misanthropen, sondern ein Geschenk an meine Leserinnen und Leser.

Instagram